Meldungen des Jahres 2017

Meldung vom 23. März 2017

Terminhinweis: Beratungs- und Gesprächsangebot für Betroffene von SED-Unrecht und Antragstellung auf Einsicht in die Stasi-Akte am 4. April 2017 in Bad Klosterlausnitz

Veranstalter: Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und Bürgerkomitee des Landes Thüringen e.V. – Beratungsinitiative Thüringen

Termin: Dienstag, 4. April 2017, von 9 – 12 Uhr und 13 – 17 Uhr,

Ort: Stadtverwaltung Bad Klosterlausnitz, im Rathaus (ehem. Ratskeller), Markt 3

 

Zur Minderung der Folgen von SED-Unrecht wurden durch den Deutschen Bundestag die

SED-Unrechtsbereinigungsgesetze beschlossen. Sie beinhalten das:

  • Die Strafrechtliche Rehabilitierung ermöglicht die Aufhebung rechtsstaatswidriger Entscheidungen der DDR-Justiz oder behördlicher Entscheidungen zur Freiheitsentziehung, sofern sie der politischen Verfolgung oder (sonstigen) sachfremden Zwecken gedient hat.

  • Die Verwaltungsrechtliche Rehabilitierung dient der Aufhebung rechtsstaatswidriger Maßnahmen von DDR-Organen, die durch Eingriffe in Gesundheit, Vermögen oder Beruf noch heute unmittelbar schwer und unzumutbar für den Betroffenen fortwirken.

  • Die berufliche Rehabilitierung zielt auf einen Nachteilsausgleich für politisch motivierte Eingriffe in Ausbildung oder Beruf.

Anträge auf Rehabilitierung können noch bis zum 31.12.2019 gestellt werden.

Weiterhin können auch Anträge auf Einsicht in die Stasi-Akten beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR gestellt werden.

Das Beratungs- und Gesprächsangebot kann ohne Voranmeldung wahrgenommen werden. Während der Sprechzeiten besteht die Möglichkeit der telefonischen Nachfrage unter der Tel.-Nr.: 0175 8628016.

Ansprechpartner vor Ort:

Sabine Böhme (ThLA) und Manfred Buchta (Beratungsinitiative SED-Unrecht)

 

Weiterführende Informationen:

 
 
 

ThLA logo

 
Meldung vom 14. März 2017

Ökologiebewegung und Umweltschutz im kirchlichen Raum

Als kleine Einstimmung auf das kommende Heft der "Gerbergasse 18" zum Schwerpunkt "Umwelt" möchten wir eine Rezension von Dr. Hans-Joachim Döring (Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Mitarbeiter im Fachbereich Entwicklung & Umwelt am Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zentrum in Magdeburg) zum Buch "Die Ökologiebewegung im kirchlichen Freiraum der DDR" von Aribert Rothe vorausschicken. Der Band des Erfurter Pfarrers und Pädagogen Rothe erschien 2015 in der Schriftenreihe der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, hat 100 Seiten und beinhaltet zahlreiche Abbildungen. Buchbestellungen aus Thüringen bei der Landeszentrale in Erfurt sind kostenlos möglich. Dr. Aribert Rothe ist auch Autor eines eigenen Beitrages im kommenden Heft unserer Zeitschrift unter dem Titel "Alles muss klein beginnen - Die Öko-Bewegung in der DDR". Die neue "Gerbergasse 18" (Heft 82) erscheint im April.

 

Sanfte Sprengkraft

Hier gibt einer Kunde von renitenten Leuten in der DDR und in der Kirche. Der Schwerpunkt liegt im ehemaligen preußischen Thüringen. Die Kreise freilich zieht er weiter, denn „die Umweltgruppen gehörten zu den katalytischen Kräften der DDR, die Zivilcourage riskierten, das Krisen-bewusstsein schärften und nicht zuletzt einen Demokratieprozess einforderten […]“ (S. 6).

Man spürte etwas von der Glückseeligkeit der Halblegalität im Schutzmantel der evangelischen Kirche. Eine flaue Idealisierung scheint auch durch. Nicht nur dass knapp 300 oppositionelle „Gruppen und Grüppchen“ – davon circa 60  bis 80 Umweltgruppen – die DDR Dank ihrer kritischen Fragen und Haltungen mit zum Wanken gebrachte haben. Die schlappen 300 sind auch eine Aussage über die politische (IN)-Potenz und Relevanz der weit über 10.000 Kirchengemeinden und rund 4000 Pfarrer und Pfarrerinnen Ende der 1980er Jahre in der DDR.  

Knapp und gut nachvollziehbar beschrieben werden die Umweltkrise und die wachsend Sprengkraft der Umweltgruppen (S. 13-24). Bereits 1972 befasste sich die Kirchenleitung der Kirchenprovinz Sachsen (KPS) in Magdeburg mit der Umweltsituation in der DDR und die Synode des Bundes der Evangelischen Kirche in der DDR  (BEK) fragte 1984 nach „der Verantwortung für die Natur […] um solidarisches Problembewusstsein und eine Suchbewegung nach der ökologisch, verantwortlichen Gesellschaft in Gang zu setzen“ (S. 18). Leider werden Theologen der KPS mit hohem ökologischem Bewusstsein wie Heino Falcke oder Friedrich Schorlemmer nicht erwähnt. Angerissen werden die Lernvorgänge in der Repression und die Kraft, die Tabuthemen und deren Aufklärung entfalten können. Beschrieben wird auch die Schutzmantelmadonna evangelische Amtskirche.

Die kreative Vielfalt und Reichweite der Bildungs- und Informationsaktivitäten kirchlicher Umweltarbeit (S. 25-30) werden dargestellt. Ob „Mobil ohne Auto“, „Eine Mark für Espenhain“ oder die „Briefe zur Orientierung im Konflikt-Mensch“ aus dem kirchlichen Forschungsheim Wittenberg (KFH). Auf das KFH, einer Einrichtung der KPS geht Rothe unter der Überschrift „Konflikt und Konkurrenz“ ein. Die erstarkte unabhängige Umweltbewegung rieb sich mit der bereits 1927 gegründeten ehrbaren Einrichtung. Die Arbeit des KFH, der Spinne im (Umwelt)-Netz, die keine sein aber gern so gesehen werden wollte, bedarf noch der zeitgeschichtlichen Betrachtung. Rothe hat mit gutem Recht daran erinnert.

Exemplarisch werden die Aktivitäten der „Erfurter Umweltgruppe in der Oase“ (S. 51-76) und des „Einkehrhauses Bischofsrod“ (S. 77-86) dargestellt. Lebendig wird die Arbeitsweise der Oase“ und das Drängen in die Öffentlichkeit über Info-Stände, Vortragsabende, Ausstellungen oder Seminare beschrieben. Immer wieder verblüffend zu lesen ist die Anziehungskraft der in der DDR unterdrückten Zahlen und Fakten. So auf den überregionalen Luftseminaren. Wichtig war die gleichzeitig Informationen gebende und Identität stiftende Untergrund- oder Samistad-Literatur. Hervorzuheben ist die frühe Internationalität der Erfurter Arbeit. Umwelt wie Demokratie waren und sind weltweit bedroht.

Würdigend festgehalten – und dafür ist besonders zu danken – wird die Arbeit der Bildungsstätte Einkehrhaus Bischofsrod im Henneberger Land. 1979 als themenbezogenes Rüstzeitheim für Kontemplation und Aktion im Umweltsektor ins Leben gerufen, wurde Bischofsrod zum Durchlauferhitzer des konziliare Prozesse und der Schöpfungsverantwortung. Getragen wurde es von den Ehepaaren Fahr und Winkelmann. In den 1990er Jahren musst die Arbeit eingeschränkt und 2015 ganz aufgegeben werden. An Bischofsrod wie der Erfurter "Oase" zeigt Rothe: Aufklärung machte Sinn, denn weithin war es dunkel. Unrecht und Unwahres stützten sich mit Offiziellen Die Gruppen aber waren vereinzelte und zeitweise wirkmächtige Gegenöffentlichkeit. Somit ein Ferment in der friedlichen Revolution 1989/90.

Ein Glück ist, dass Rothe über die Jahre viel gesammelt hat. So entsteht ein lokales Bild mit konzentrischen Kreisen. Weiteres möchte man lesen. Für den Umfang der Broschüre zitiert Rothe viel aus Stasiunterlagen, auch aus Eigenen. Woraus soll man auch zitieren beim Berichten aus Zeiten mit Zensur und  Veröffentlichungsverboten? Ein klassisches Dilemma. So bleibt’s: Die einzige Objektivität ist die gekennzeichnete Subjektivität. Die Broschüre wird herzlich empfohlen zu lesen! Den Alten zum Erinnern und Erwärmen, den Jungen zum Vergleichen und Erkennen.

 

Dr. Hans-Joachim Döring

Meldung vom 06. März 2017

Die Förderung der historischen Urteilsfähigkeit bei Schülern

Ein Kurzbericht zum Fachtag Geschichte am 2. März 2017 in Jena

 

„Was macht historische Urteilsfähigkeit im Geschichtsunterricht aus? Welche Unterrichtsarrangements fördern historisches Urteilen? Was sind die Bewertungsmaßstäbe für gelungene Urteile?“ Das sind Fragen, mit denen sich die Lehrer ständig auseinandersetzen. Am 2. März 2017 trafen sie sich zum 4. thüringischen Fachtag Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Organisiert wird der Fachtag zur Lehrerfortbildung einmal im Jahr von der Jenaer Professur für Geschichtsdidaktik und vom Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm).

Die gut besuchte Veranstaltung begann um 9 Uhr mit den Begrüßungen der Jenaer Professorin für Geschichtsdidaktik, Prof. Dr. Anke John, und der Thillm-Mitarbeiterin für Geschichte, Frau Elke Deparade. Anschließend hielt Frau Prof. John einen Vortrag über „Historische Urteile und Bewertung im Geschichtsunterricht“. In ihren Ausführungen ging sie auf die Förderung der Urteilskraft von Schülerinnen und Schülern über historische Ereignisse mit Anwendung von Wertargumenten ein. Schüler sollen im Geschichtsunterricht erlernen, ihre Meinungen mit auf historischem Wissen fundierten Argumenten zu begründen und diese mit Gegenwartsbezug zu bewerten. Folglich sollen die Schüler darin gefördert werden, auch Sach- und Werturteile leisten zu können. Außerdem erwähnte Frau John die Notwendigkeit, die Schüler im Geschichtsunterricht für geschichtskulturelle Themen und Debatten in der Gesellschaft zu sensibilisieren. Dabei erwähnte sie als aktuelles Beispiel die gegenwärtige Diskussion über das geplante „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ in Berlin.

Nach der Präsentation gab Dr. Steffi Hummel, akademische Rätin am Lehrstuhl Geschichtsdidaktik, eine kurze Einführung in die Workshops. Die Teilnehmer/innen des Fachtags konnten aus vier angebotenen Workshops, die jeweils aus zwei einstündigen Runden bestanden, auswählen: 1. „Die Geschichtsprüfung: Aufgaben, Materialien und Bewertungsmaßstäbe“ bei Frau John, 2. „‚So eine richtige Diktatur war das ja nicht‘ Die DDR im Urteil thüringischer Abiturientinnen und Abiturienten“ bei Kathrin Klausmeier (Referendarin am Studienseminar Dortmund), 3. „Urteilsfähigkeit erwerben. Lernarrangements für den Geschichtsunterricht“ bei Steffi Hummel sowie 4. „Historische Urteilsbildung im Museum? Fallbeispiele am außerschulischen Lernort“ bei Museumspädagogin Ulrike Ellguth-Malakhov vom Stadtmuseum Jena.

Nach der Kaffeepause gingen alle Teilnehmer in einen der vier Kurse. Ich wählte den Workshop bei Kathrin Klausmeier aus, die darin ihr Dissertationsprojekt zur Haltung von Thüringer Abiturientinnen und Abiturienten gegenüber dem Diktaturcharakter der DDR vorstellte. Frau Klausmeier wird in einer kommenden Ausgabe der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ einen Artikel über die Ergebnisse ihrer interessanten Doktorarbeit veröffentlichen, weshalb an dieser Stellen nur einige ihrer Erkenntnisse erwähnt seien. So fand sie heraus, dass die DDR für die Mehrheit der Schüler heute keine "richtige Diktatur“ darstellt. Das Schülerwissen über die DDR stammt neben dem Geschichtsunterricht vor allem aus Gesprächen innerhalb der Familie. Hier sind die Eltern noch vor den Großeltern die wichtigste Informationsquelle.

Die Workshop-Teilnehmer beschäftigten sich in Partnerarbeit mit Meinungen von Schülern zum Diktaturcharakter der DDR. Die Informationen stammen aus Interviews, die Katrin Klausmeier mit verschiedenen Schülergruppen führte, die zur Zeit der Befragung in der 11. Klasse waren. In einer zweiten Workshop-Runde präsentierten die Kursteilnehmer schließlich untereinander ihre Ergebnisse. Mit einer Abschlussdiskussion aller Teilnehmer, in der Feedbacks und Anregungen für zukünftige Veranstaltungen geäußert wurden, endete der diesjährige Fachtag Geschichte an der Universität Jena. Aus meiner Sicht war der Fachtag Geschichte eine sehr spannende und informative Veranstaltung, die ich jedem Geschichtslehrer – egal ob neu oder schon erfahren – sehr empfehle.

 

Christian Ebel

Bachelorstudent Geschichte/Politikwissenschaft

 

Meldung vom 26. Februar 2017

Vielfältige Vereinsarbeit & neuer Vorstand der Geschichtswerkstatt Jena

Im Rahmen einer produktiven und lebhaften Mitgliederversammlung der Geschichtswerkstatt Jena e.V. am 24. Februar stand neben vielen Tagesordnungspunkten und Diskussionsbeiträgen auch die Wahl eines neuen Vorstands für die Amtszeit 2017 bis 2019 an.
Den Vorstand der Geschichtswerkstatt Jena e.V. bilden nunmehr: Dr. Henning Pietzsch (Vorsitzender), Torsten Eckold (stellv. Vorsitzender und Schatzmeister) sowie als Beisitzer Maria Palme, Stefan Walter und Daniel Börner. Als Kassenprüfer wurde erneut Dr. Michael Ploenus gewählt.
Wir danken allen Mitgliedern (in nah und fern) für Ihr kontinuierliches Engagement, Ihre Ideen und Initiativen, um gemeinsam die Vereinsanliegen und -ziele voranzubringen. Gleichzeitig freuen wir uns auf die anstehenden Veranstaltungen und Projekte im laufenden Jahr (dazu bald mehr auf unserer Internetseite)! Falls Sie selbst Mitglied werden und/oder sich in den Verein einbringen möchten, kontaktieren Sie uns: per eMail, telefonisch oder über unser Kontaktformular.

Im Bild (v.l.n.r.): Dr. Michael Ploenus (Kassenprüfer), Ralf Peschel, Arne Petrich, Dr. Henning Pietzsch (Vorsitzender), Torsten Eckold (stellv. Vorsitzender/Schatzmeister), Christine Friedrich, Stefan Walter (Beisitzer), Prof. Dr. Karl-Heinz Friedrich, Daniel Börner (Projektmanager), fotografiert hat (deshalb nicht im Bild) Katrin Sauerwein (Projektmitarbeiterin).

 

Ein seit dem Jahr 2009 von der Geschichtswerkstatt Jena entwickeltes Projektformat ist die "Zeitzeugenwerkstatt", die wir stetig fortführen und erweitern. Intention und Grundgedanke zur Dokumentation von Zeitzeugen-Interviews ist die Wahrung und Sicherung von Erinnerungszusammenhängen, historischen Ereignissen und individuellen, biografischen Erlebnissen.

Der ab jetzt im YouTube-Kanal der Geschichtswerkstatt verfügbare, fünfte Teil der Zeitzeugenwerkstatt (entstanden 2015) verknüpft Erlebnisse und Erinnerungen der Jahre 1989/1990 mit einer persönlichen Rückschau und individuellen Bilanz nach einem Vierteljahrhundert. Entstanden ist eine verdichtete Collage aus Interviews mit 26 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im 26. Jahr der Wiedervereinigung. Die wechselvollen Ereignisse zwischen Friedlicher Revolution 1989 und Deutscher Einheit 1990 boten Anlass für eine Zwischenbilanz: Was ist gelungen, was missglückt und welches persönliche Fazit kann heute gezogen werden?

Meldung vom 17. Februar 2017

"Sagen, was ist!" Tagungsband zum Schriftsteller Jürgen Fuchs erscheint zur Buchmesse

Der von Ernest Kuczyński edierte und herausgegebene Sammelband Sagen, was ist! Jürgen Fuchs zwischen Interpretation, Forschung und Kritik erscheint zur diesjährigen Leipziger Buchmesse (23. bis 26. März 2017) im Dresdner Neisse Verlag. Enthalten sind Beiträge der Fuchs-Tagung aus dem vergangenen November in Breslau sowie weitere Texte und Dokumente über Jürgen Fuchs (1950–1999). Der Germanist und Deutschlandforscher Kuczyński benennt das Ziel des neuen Bandes: "Aufmerksamkeit auf den Schriftsteller Jürgen Fuchs zu lenken, seine Literatur im akademisch-wissenschaftlichen Umfeld zu verbreiten sowie einen Beitrag zur Etablierung und Belebung der Jürgen-Fuchs-Forschung zu leisten."

Mehr Informationen über das Buch und den Verlag finden sich hier.

 

Zum Schriftsteller, Psychologen und Bürgerrechtler Jürgen Fuchs sind zuletzt auch zwei Tagungsbände im Wissenschaftsverlag Garamond (Jena) erschienen. Im Jahr 2011 der von Martin Hermann und Henning Pietzsch herausgegebene Band DDR-Literatur zwischen Anpassung und Widerspruch (= Schriftenreihe des CEJ, Bd. 43), mit Ergebnissen eines wissenschaftlichen Kolloquiums, welches zu Ehren des 60. Geburtstages von Jürgen Fuchs im November 2010 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena abgehalten wurde, sowie im Jahr 2016 der Band Leben ohne Freiheit - Jürgen Fuchs und die DDR Welche Lehre? (= Schriftenreihe des CEJ, Bd. 45), basierend auf Vorträgen eines weiteren Fuchs-Kolloquiums im Oktober 2014, herausgegeben von Martin Hermann (Kurator des Collegium Europaeum Jenense (CEJ) und Vereinsmitglied der Geschichswerkstatt Jena).
Meldung vom 02. Februar 2017

Zur Aktualität von George Orwells "1984" im Jahr 2017

Ein Kommentar unseres langjährigen "Gerbergasse 18"-Autors Baldur Haase aus Jena:

 

Steht der neue Präsident der USA als „Big Brother“ in den Startlöchern?

 

Es gibt kaum einen Roman der Weltliteratur – außer George Orwells Werk „1984“, der utopischen Vision eines totalitären  Überwachungsstaates –  von dem gesagt werden kann, die Gemüter weltweit immer wieder zu bewegen. Seit sieben Jahrzehnten wird das Buch unterschiedlich ausgelegt und beurteilt. Von Literaturkennern als Erzählung gewürdigt, mit dem der Autor die moderne Science-Fiction Literatur begründet haben soll und von den Machthabern der SED-Diktatur in der DDR als „antisozialistische Hetzschrift“ verfemt, die damit ihrem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und ihrer Justiz Grundlagen in die Hände gaben, Orwell-Leser nach dem politischen Strafrecht zu verfolgen, anzuklagen und in Gefängnisse zu werfen.

Für mich gibt es auf der Welt nur einen einzigen Staat, dem es gelang, Orwells fiktive Diktatur „Ozeanien“ nahezu vollständig zu kopieren. Das ist Nordkorea! In anderen Ländern sind literarische Figuren und Zitate aus „1984“ zu allgemein bekannten Schlagwörtern und Metaphern geworden, wenn es darum geht, auf  Erscheinungen und Missstände aufmerksam zu machen, die befürchten lassen, dass die Regierenden vorhaben, persönliche Freiheiten und allgemeine Menschenrechte einzuschränken oder sogar abzuschaffen.  Bleibt noch zu erwähnen, dass sich George Orwell (1903–1950) im Grabe umgedreht haben könnte, angesichts der seit 1990 produzierten und in der ganzen Welt ausgestrahlten Fernsehshow „Big Brother“. Zu seinen Lebzeiten hätte er es sich verbeten, seine –  mit letzten Kräften als todkranker Mann niedergeschriebene Mahnung vor Totalitarismus  jeglicher Art – als Basis für eine triviale Unterhaltungsschau zu missbrauchen.

Aber da gab und gibt es zum Glück überall unzählige Menschen, die in seinem Sinne handeln. Es sind jene, die dem neuen Präsidenten der USA, Donald Trump, keine Führungsqualitäten als mächtigstem Mann der Welt zutrauen und befürchten, dass er nicht nur ihr Land, sondern die ganze Erde in eine ungewisse Zukunft führen, wenn nicht gar ins Chaos stürzen könnte. Im Internet kursieren sogar schon Berechnungen eines in greifbare Nähe gerückten Endes der Menschheit. Angesichts der Massenvernichtungswaffen, die sich in den Händen von Staaten befinden, die sich feindlich gegenüberstehen, vielleicht gar nicht so abwegig. Mr. Trump hat in wenigen Tagen und Wochen schon derart zahlreiche Befürchtungen geweckt, womit er seine Amtsvorgänger in den Schatten stellen könnte. So ist es kein Wunder, wenn Orwells „1984“ in den USA (aber nicht nur dort) größere Neuauflagen erlebt und auf Bestsellerlisten wieder weit nach vorne rückt. Und so, wie ich 1958 als Jugendlicher Orwells Roman von einem westdeutschen Brieffreund erhalten hatte und beim Lesen Vergleiche zwischen Orwells Ozeanien und meiner DDR-Wirklichkeit anstellte (was mir mehr als drei Jahre Zuchthaus einbrachte), kann ich mir vorstellen, dass besorgte USA-Bürger nun Ähnliches tun, indem sie Orwells  Schilderungen mit Trumps Handlungen vergleichen.

Freilich, ihnen drohen keine Gefängnisstrafen und „1984“ ist nach wie vor frei verkäuflich. Aber, der Präsident hat bereits viele politische Beamte, darunter die Justizministerin, entlassen, weil sie mit seinen Einreiseverboten für Bürger bestimmter muslimischer Staaten nicht einverstanden war. Die Geschichte lehrt uns, dass so mancher Diktator „klein“ anfing.

 

Abbildung: Baldur Haase mit seiner Buchausgabe "1984" von George Orwell.

 

Literaturempfehlung:

Baldur Haase: George Orwells Bücher und wie sie Orwells Leser in der DDR ins Zuchthaus führten, hrsg. von der Landesbeauftragten des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Erfurt 2005.

(Das Buch ist noch in begrenzter Stückzahl über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich.)

 

Meldung vom 24. Januar 2017

Zum Zehnten: Die Geschichtsmesse in Suhl glänzte durch Vielfalt und Diskussionen

Für die 10. Auflage der Geschichtsmesse fanden sich über 300 Besucher im Suhler Ringberg Hotel ein, um an drei Tagen gemeinsam über aktuelle Herausforderungen, alte Fragen und neue Projekte ins Gespräch zu kommen. Ausgerichtet und organisiert wird das bundesweit einmalige Messeformat mit großem Eifer und traditionell am Anfang des Jahres von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

 

Unter dem dreigeteilten Komplex „Kommunismuserbe – Populismus – Extremismus“ ging es vom 19. und 21. Januar um Themenfelder zwischen Gegenwart und Zukunft der historischen Aufarbeitung sowie den Demokratien in Europa, orientiert an konkreten Problemstellen und momentanen Gefahren. Auffällig sei, so Dr. Anna Kaminsky in ihren Eröffnungsworten, dass die gegenwärtige Situation davon gekennzeichnet ist, die Demokratie zunächst wehrhaft verteidigen zu müssen, als wie früher „nur“ kontinuierlich verbessern zu wollen. Dabei ist die schlichte Gegenüberstellung eines „wir gegen die“ zu einfach. Es gilt miteinander auf Augenhöhe zu diskutieren, ohne dabei die eigenen, demokratischen Wertvorstellungen zu vergessen. Auch dem gelegentlichen Vorurteil außenstehender Beobachter wurde begegnet, die Geschichtsmesse sei ein isolierter Tummelplatz allein für DDR-Forscher. Im Gegenteil: Die Geschichte der DDR ist zugleich Bestandteil einer gesamtdeutschen und damit auch europäischen Geschichte, nicht etwa ein abgeteilter Sonderforschungsbereich. Die Aktualität der Messe wurde nicht nur am vollen Tagungssaal deutlich, ebenso an der Vielfalt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer:  Praktiker und Bildner, Wissenschaftler/innen, Lehrer/innen und Schüler/innen, Journalisten, Zeitzeugen, Museums- und Gedenkstättenmitarbeiter, Promovenden, Ehrenamtliche sowie natürlich Historiker/innen.

In diesem Jahr galt dem bevorstehenden Ereignisraum „100 Jahre Oktoberrevolution“ erhöhte Aufmerksamkeit, zu dem zahlreiche Veranstaltungen, Internetangebote und diverse Publikationen im Entstehen begriffen sind. Zum Auftakt wurde skizziert, dass es die erklärte Absicht der ausrichtenden Bundesstiftung ist, sich nicht nur dem Ereignis selbst, sondern vor allem den Folgen seit 1917 nachzugehen – Folgen, die bis in die unmittelbare Gegenwart reichen. Ziel ist ein Verbund aus Veranstaltungs- und Medienformaten, Tagungen und Veröffentlichungen sowie einer Sonderförderung von dezentralen Projekten in ganz Deutschland. Das eigene Jubiläum, nämlich die seit 2008 zum zehnten Mal stattfindende Messe, wurde eingangs mit einer spannenden Fotodokumentation im Querschnitt vorgestellt. Sinn und Zweck waren und sind die Merkmale: anstoßen, informieren, fördern, vernetzen. Äußeres Zeichen des Erfolges ist die inzwischen verdoppelte Teilnehmerzahl in Suhl.

Nach der Begrüßung folgte ein Experten-Podium zum Stand, Modellen und Zukunftserwartungen der Politischen Bildung in Deutschland. Während der Status der politisch-historischen Bildung innerhalb der förderalistischen Strukturen unterschiedlich stark ausgeprägt und finanziert ist, blickten die Podianten dennoch auf ein Erfolgsmodell zurück, gerade im Vergleich zu anderen Ländern in Europa. Politische Bildner/innen können als Brückenbauer und im Netzwerk dauerhaft dabei helfen, historische Wurzeln offenzulegen, Wissen zu vermitteln, Neugier zu wecken oder Prävention zu leisten, um Antworten und Reaktionen auf vereinfachte oder radikale Lösungen zu liefern, egal ob im schulischen oder außerschulischen Wirkungsbereich. Die steigende Tendenz zu „Echokammern“ oder sogenannten „Mini Publics“, in denen nur die eigenen Meinungen bestätigt werden, verkürzen und fragmentieren die Reichweite von Bildungsangeboten demokratischer Projektträger oder Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Mit dem Befund, dass durch bisherige Angebote oft nur noch Teile der Bevölkerung, ob jung oder alt, erreicht werden, muss die Gesamtheit der politischen Bildner selbstkritisch umgehen – von den großen Bildungszentralen mit Millionenbudgets bis zu den kleinen Vereinen auf lokaler Ebene, die jährlich um ihre Existenz kämpfen. Eine weitere Gefahr wurde mit der verbreiteten Neigung benannt, jedes Anliegen gerne ins Internet, auf Videoplattformen oder in kurzlebige Apps auszulagern. Politische Bildung aber darf nicht immateriell werden, trotz aller Innovationspotentiale, sondern beruht weiterhin auf persönlichem Engagement und dem Einsatz vor Ort. Holger Kulick, tätig für die Bundeszentrale politische Bildung, fand für das Bündel an Aufgaben eine passende Metapher: Politische Bildung ist kein Sprit, sondern vielmehr einen Dauerlauf, wo hinter jeder Kurve eine neue Prüfung wartet. Differenzierung darf nicht durch Diffamierung aufgegeben werden, nicht im Internet, nicht in den sozialen Medien, nicht am Stammtisch, nicht im Klassenzimmer, nicht im Hörsaal.

Ein späteres Podium warf einen kursorichen Blick auf die Lage und die Perspektiven der Aufarbeitung in Europa. Gäste aus Albanien, Estland, Serbien und Rumänien trugen viel zum Verständnis der zumeist stark national geprägten Hinterlassenschaft des Kommunismus bei. Dabei wurde bei aller internen Kritik hierzulande deutlich, wie weit fortgeschritten, ausdifferenziert, stabil und aus anderen Ländern bestaunt die Aufarbeitung in Deutschland dasteht. Viele Länder in Ost- und/oder Südosteuropa haben nämlich entweder keinen oder einen nur rudimentär funktionierenden Umgang – gesetzlich wie auch gesellschaftlich – gefunden, um das Erbe der kommunistischen Diktaturen kritisch aufzuarbeiten. Wahlweise verknüpfen sich Amnestie und Amnesie miteinander. Eine nationale Tagespolitik und/oder strategische Bündnisse postkommunistischer Milieus dominieren häufig die Deutung der Vergangenheit.

Eine multimediale und szenische Lesung über den Filemacher und Schriftsteller Thomas Brasch (1945–2001) unter dem Titel „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ beschloss den ersten Konferenztag poetisch. Die Gespräche zum Messeverlauf endeten aber erst weit nach Mitternacht.

Zu Beginn des zweiten Tages unterrichte die Bundesstiftung über geplante eigene Vorhaben zum diesjährigen Themenschwerpunkt „Der Kommunismus – Utopie und Wirklichkeit“. Ein weiteres Podium im Anschluss ging der Frage nach, wie nah oder fern wir gegenwärtig dem alarmierenden Zustand der späten Weimarer Republik stehen. Reaktionen aus dem Publikum zeigten, dass in der Analyse zum Grad der Bedrohung durch antidemokratische Tendenzen kaum Einigkeit herrscht. Zu den Besonderheiten der Geschichtsmesse gehört die enorme Spannbreite an Projektvorstellungen, die traditionell am Messefreitag stattfinden. Über 50 Einzelprojekte wurden in achten Sektionen und einem Workshop bis zum späten Nachmittag parallel präsentiert. Um die Rolle von Frauen in der DDR, die ein Film mit anschließender Diskussion begleitete, ging es am zweiten Messeabend. Freya Klier, Autorin und Regisseurin eines neuen Films über den Alltag von DDR-Frauen, und Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung und Autorin einer neuen Gesamtdarstellung über „Frauen in der DDR„ (Berlin: Ch. Links Verlag 2016), sprachen über nervige Klischees, Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Frauenbildes vor und nach 1990.

Am Samstagvormittag fokussierte nochmals ein Vortrag über „Populismus und Vergangenheitsaufarbeitung des Kommunismus in Europa“ den Blick auf die momentane und mitunter unübersichtliche Ist-Situation, die vom abschließenden Podium zu den Herausforderungen der Demokratie zwischen Einwanderungsgesellschaft, Flüchtlingspolitik und Extremismus vertieft und weiter gedacht wurde.  Mit dem Aufruf zum Besuch der 11. Geschichtsmesse Anfang 2018 verabschiedeten sich die Besucher in alle Himmelsrichtungen vom eingeschneiten Tagungsort.

Die Geschichtswerkstatt Jena war während der Messetage mit einem eigenen Stand vertreten, konnte viele neue Kontakte knüpfen, Interessierte mit der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ bekanntmachen, über aktuelle Vereinsprojekte (Bildungsprojekte & Zeitzeugenwerkstatt) informieren sowie Anregungen für die eigene Arbeit mitnehmen.

Die Abbildungen in ihrer Reihenfolge: Das Ringberg Hotel in Suhl, vorne im Bild ein Ausstellungs- und Projektcontainer von Hans Ferenz zum Thema "Flucht und Ankunft"; Blick auf den Stand der Geschichtswerkstatt Jena mit Material und Publikationen auf dem Markt der Möglichkeiten; Michael Geithner und Martin Thiele-Schwez bei der Vorstellung ihres neues Geschichtsspiels "Wendepunkte"; Tom Sello (stehend) spricht zur neuen Open-Air-Ausstellung der Robert-Havemann-Gesellschaft in Berlin; Dr. Jens Hüttmann (Mitte) im Gespräch mit Patrick Bahners (FAZ) und Sebastian Ullrich (C. H. Beck Verlag) zur Leitfrage "Leben wir wieder in Weimar?"; abschließendes Podium im großen Tagungssaal zu den "Herausforderungen der Demokratie".

Fotos: Katrin Sauerwein & Daniel Börner

Meldung vom 14. Januar 2017

10. Geschichtsmesse in Suhl: Kommunismuserbe – Populismus – Extremismus

 Die inzwischen 10. Geschichtsmesse, organisiert und ausgerichtet von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, findet vom 19. bis 21. Januar 2017 statt. Unter dem Rahmentitel „Kommunismuserbe – Populismus – Extremismus: Herausforderungen für die historische Aufarbeitung und die Demokratie in Europa" treffen sich mehr als 300 Besucherinnen und Besucher für eine dreitägige Fachtagung im Ringberg Hotel, oberhalb der Stadt Suhl. Durch zahlreiche Vorträge, Filmveranstaltungen, Projekt- und Buchvorstellungen sowie Podiumsdiskussionen wird eine vielfältige und öffentliche Auseinandersetzung mit der jüngsten Zeitgeschichte angeboten. Willkommen sind alle, die sich über Stand und Perspektiven der Aufarbeitung, Konzepte des historischen Lernens, über Neues aus Forschung und Wissenschaft, die praktische Arbeit in Museen und Gedenkstätten oder aktuelle Bildungsfragen, egal ob schulisch oder außerschulisch, informieren möchten.

Auch die Geschichtswerkstatt Jena e.V. ist – wie in jedem Jahr – mit einem Stand auf der Messe vertreten. Wir freuen uns auf spannende Tage, neue Eindrücke und Erkenntnisse sowie interessante Begegnungen mit vielen unterschiedlichen Messegästen.

Weitere Informationen zur Geschichtsmesse, eine Programmübersicht, das Lesebuch mit allen Programmpunkten und Einzelveranstaltungen bzw. Angaben zur Anreise/Übernachtung bietet die Seite: www.geschichtsmesse.de

Meldung vom 09. Januar 2017

Themenvorschau „Gerbergasse 18“ : Vier neue Ausgaben im Jahr 2017

Auch im 22. Jahrgang der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ werden wieder vier neue Ausgaben erscheinen. Alle Leserinnen und Leser dürfen – wie von uns gewohnt – auf vielfältige und informative Beiträge zu jeweils unterschiedlichen Schwerpunktthemen, zur Zeitgeschichte und dem Zeitgeschehen sowie Rezensionen zu lesenswerten Neuerscheinungen gespannt sein.

Die Titelthemen 2017 lauten:

Heft 82: Umwelt(-schutz)

Heft 83: 100 Jahre Oktoberrevolution

Heft 84: Wirtschaftsfragen

Heft 85: Geschichte(n) im Film

 

Ein Abonnement der „Gerbergasse 18“ für vier Ausgaben kostet 14,00 € inkl. Versand. Einzelhefte sind für je 3,50 € erhältlich. Ältere und noch lieferbare Ausgaben (bis 2012) geben wir für 1,00 € pro Heft ab.

Für alle Neuabonnenten bis 31. Januar 2017 legen wir als Zugabe zehn Einzelhefte nach freier Wahl oben drauf. Bestellungen bitte richten an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!


Abbildung: Collage der zwischen 1996 bis 2016 erschienenen Ausgaben für die Jubiläumsnummer Heft 80 im Herbst 2016. Quelle: GWS

 
 
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