Aktuelle Meldungen und Veranstaltungen

Meldung vom 23. November 2017

DDR-Museen in der Diskussion – Replik und Antwort auf einen "Gerbergasse 18"-Beitrag

Im Heft 84 der "Gerbergasse 18", das im Oktober 2017 erschien, veröffentlichten wir in der Rubrik ZEITGESCHEHEN/DISKUSSION einen Text der Historikerin Dr. Kerstin Langwagen, der sich dem Thema "DDR-Museen" widmet. Der Beitrag unter dem Titel Stilblüten: DDR-(Alltags)Museen? Zum Verständnis eines Museumsbooms ist hier abrufbar.

Die Redaktion der "Gerbergasse 18" erreichte in Reaktion auf die Publikation der Ausgabe eine Replik sowie eine Antwort der Autorin darauf. Beide Texte bilden wir als Diskussionsbeiträge nachfolgend ab. Über weitere Meinungen und Standpunkte freuen wir uns.

 

Das "Haus der Geschichte" in Wittenberg – als DDR-Museum einfach zu oberflächlich gesehen!

In der letzten Ausgabe der Gerbergasse 18 näherte sich Dr. Langwagen dem Phänomen der DDR-(Alltags)Museen. Das seit 1997 bestehende „Haus der Geschichte“ in der Lutherstadt Wittenberg wird als der erste Vertreter eben jenes neuen Museumstyps charakterisiert, der in den folgenden Jahren in verschiedenen Städten seine spezifische Ausprägung gewissermaßen ohne wissenschaftlichen Anspruch erfuhr.

Folgt man dem ersten äußerlichen Anschein, gibt es zweifellos unverkennbare Ähnlichkeiten zwischen diesen Museen, denn der Alltag in der zentralistischen DDR kannte kaum regionale Unterschiede. Nun kann man von einer Wissenschaftlerin jedoch erwarten, dass sie den Dingen auf den Grund geht und sich nicht nur auf Äußerlichkeiten bezieht. Das betrifft ganz besonders Anspruch und Wirklichkeit der Arbeit des Vereins PFLUG e.V. in Wittenberg, der Träger des Hauses der Geschichte ist.

Die Dauerausstellung zur Alltagsgeschichte im 20. Jahrhundert bietet neben den Ausstellungen „Wegezeichen – Zeitzeichen. Russen und Deutsche in einer mitteldeutschen Region 1945 bis 1993“, „Luther in der DDR“ und „Atheismus in der DDR“ authentisch eingerichtete Wohnmilieus der 1920er bis 1990er Jahre. Dazu wird die Lebenswirklichkeit in den verschiedenen Jahrzehnten durch Leittexte, Fotos und Zeitzeugenberichte vermittelt, die Besucher auf jeder Etage mittels Infopoints (Touchscreens) abrufen können. Zusätzlich erfahren sie auch, was in der Zeit, die sie interessiert, in der Welt passierte.

Wirtschafts- und sozialgeschichtliches Wissen neben alltagsgeschichtlichen Auskünften erhalten interessierte Besucher über Audioguides, die sowohl in deutscher wie in englischer Sprache zur Verfügung stehen. Diese ordnen die Milieus und Gegenstände in ihren historischen Kontext und die Lebensgeschichte ihrer Besitzer ein. Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder können sich altersgerecht durch eine speziell auf sie abgestimmte Führung informieren lassen.

Jährlich wechselnden Sonderausstellungen wie z.B. „Wenn nur das Ende erst da wäre! - Wittenberg & Wittenberger im I. Weltkrieg“ und „Zweite Heimat. Flucht, Vertreibung und Integration Deutscher nach dem II. Weltkrieg in Sachsen-Anhalt“ setzen sich mit den Alltags- und den Diktaturerfahrungen im 20. Jahrhundert, besonders auch in der DDR, auseinander.

Seit 1995 hat PFLUG e.V., allein über 30 Ausstellungen zur mitteldeutschen Sozial-, Wirtschafts- und Alltagsgeschichte erarbeitet. Grundlage waren und sind die Ergebnisse alltags- und sozialgeschichtlichen Forschungsprojekten seit 1994, durch die eine entsprechende Sammlung von Lebensgeschichten, über 45.000 Foto- und Textdokumente sowie mehreren Hundertausend historische Sachzeugen entstanden ist. Die wissenschaftliche Horst-Dähn-Bibliothek zu Zeit-, Kirchen- und Staatgeschichte ergänzt die Sammlungen.

Von Beginn an von Wissenschaftlern ehrenamtlich geleitet orientiert sich PFLUG e.V. an den wissenschaftlichen Standards – seit zwei Jahrzehnten ohne institutionelle Förderung. Das „Haus der Geschichte“ in Wittenberg leisten so ohne große staatliche Unterstützung einen wichtigen Beitrag zur Erforschung und Bewahrung mitteldeutscher Alltags- und Sozialgeschichte und zur politischen Bildung.

Dass die fehlende Grundfinanzierung auch auf die vielen anderen kleinen Museen zutrifft, wo Laien sich verdienstvoll dem Sammeln und Ausstellen einer entschwundenen Dingwelt verschrieben haben, sollte einen Wissenschaftlerin wenigstens erwähnen, wenn sie ihren hohen Anspruch nicht realisiert sieht und den Vergleich mit staatlich hoch subventionierten Museen nicht scheut.

Dr. Christel Panzig (Projektleitung, Haus der Geschichte Wittenberg, Pflug e.V.)

 

Geschichte als Erfahrungshorizont und Erinnerungsraum erlebbar zu machen, ist der wesentlichste Ansatzpunkt, der über den Musealisierungsprozess der DDR hinaus Geltung hat. Ich stimme Herrn Markus Richter uneingeschränkt zu: Man sollte von Wissenschaftlern und Kuratoren erwarten können, den Dingen auf den Grund zu gehen. Dies setzt in diesem Zusammenhang voraus, das Museum als aktuellen, medialen Verhandlungsort für erinnerungskulturelle Prozesse zu betrachten. Denn in erinnerungskulturellen Aushandlungsprozessen wie in diesem wird nicht nur über das Ausstellen von Geschichtsbildern verhandelt, sondern über das Bewahren von kollektiven Erinnerungen an sich. Die Aufnahme der Erinnerungen in das kulturelle Speichergedächtnis steht dabei stellvertretend für die gesellschaftliche Anerkennung verschiedener Wertvorstellungen, Lebenserfahrungen und kollektiver Identifikationen, die – wie im vorliegenden Falle – weniger auf ein Zurücksehnen der DDR als vielmehr auf eine gegenwartsorientierte Identitätssuche verweist.

Dafür ist es notwendig, nach Ursachen zu suchen, Entwicklungslinien aufzuzeigen und Zusammenhänge zu parallelen Entscheidungsprozessen deutlich zu machen. Vor diesem Hintergrund wurde das "Haus der Geschichte" in Wittenberg für die Zeitspanne der 1990er Jahren hervorgehoben, da es exemplarisch für alle in dieser Zeit gegründeten „DDR-Museen“ steht, die eines verbindet, nämlich die Herausbildung eigener historischer „Gegenbilder“ zur damals vorherrschenden Geschichtsschreibung. Damit ist auch das "Haus der Geschichte" in Wittenberg unbestreitbar Bestandteil der kollektiven ostdeutschen Gedächtnisformung und wurde exemplarisch als Ausgangspunkt einer Reflexion über den Transformationsprozess auf musealer Ebene gewählt. Von dieser frühen Phase ausgehend werden im besagten Artikel die verschiedenen musealen Entwicklungslinien weiterverfolgt, die schließlich in der Ausdifferenzierung der „DDR-Museen“ in den 2010er Jahren mündet. Während das "Haus der Geschichte" in Wittenberg zu den Institutionen zählt, dass sein Profil mit Wechselausstellungen, Forschungsarbeit und Begleitveranstaltungen über die Jahre geschärft hat, gibt es aber auch ebenso jene, die auf dem Niveau des reinen Sammelns verblieben sind.

Wenn wir heute also von der Musealisierung der DDR sprechen, meinen wir weniger ihren „materialiteren Müll“ (Wolfgang Ernst), vielmehr umschreiben wir damit die immaterielle Suche nach kollektiver Gedächtnisrahmung. Sie bildet das eigentliche „Museum der DDR“. Doch nicht die Objektivität wird, wie gemeinhin festgestellt, mit zeitlich größerem Abstand in musealen Rückblicken zunehmen, sondern die Emotionalität, mit der um aktuelle Positionen auf beiden Seiten gekämpft wird, wird zukünftig abnehmen. Das subjektive „Ich“ bleibt weiterhin durch die gegebenen kollektiven Rahmungen in der Betrachtung der Dinge erhalten. Die emotionale Befreiung ermöglicht jedoch, andere eingenommene Positionen als Alternativen und nicht als Kampfansage zu verstehen. Wie wichtig es ist diese historische Zusammenhänge herzustellen, wird besonders am derzeit wieder entflammten Bilderstreit um die DDR-Kunst am Beispiel der kuratorischen Arbeit des Albertinums in Dresden deutlich, den Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, wie folgt zusammenfasst: „Ich glaube, dass wir im Moment weniger über Kunst diskutieren als über Herkunft, und die ist undiskutierbar.“

Dr. Kerstin Langwagen (Leipzig)

Meldung vom 30. Oktober 2017

Zwei Veranstaltungstermine im November: Jürgen Fuchs (7.11.) & Podiumsdiskussion (8.11.)

Gerne weisen wir auf zwei kommende Veranstaltungen Anfang November hin, bei denen die Geschichtswerksatt jeweils Mitveranstalter ist:

7. November, 18 Uhr  |  Kleiner Rosensaal (Fürstengraben 27, 07743 Jena): „Sagen, was ist!“ Der Schriftsteller Jürgen Fuchs zwischen Interpretation, Forschung und Kritik

Kooperationsveranstaltung mit dem Collegium Europaeum Jenense (CEJ)

Buchvorstellung und Lesung mit Dr. Ernest Kuczyński (Universität Łódź), Udo Scheer (Stadtroda), Prof. Dr. Werner Greiling (Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena) und Prof. Dr. Martin Hermann (Kurator CEJ). Eintritt frei.

„Sagen, was ist!“ – dank dieser klaren Strategie des Denkens und Schreibens konnte Jürgen Fuchs (1950–1999) stets Gleichgesinnte und Mitstreiter erreichen. Und da zur geistigen Welt des Künstlers ebenfalls die östliche Hemisphäre gehörte, so war er bereits in der Zeit des Westberliner Exils bestrebt, Freund- und Bekanntschaften mit Osteuropäern zu schließen, Kontakte zu vermitteln und sich dabei organisatorisch zu betätigen. Im Westen wurde er zu einem der entscheidenden Knotenpunkte eines Netzwerks, das sich um Unterstützung der immer stärker vernehmbaren demokratischen Opposition in den Ostblockländern mit Literatur, Logistik und Geld oder Organisation von Solidaritätskampagnen bei Repressionen und Verhaftungen kümmerte.

Dem Werk von Jürgen Fuchs hat man nicht nur in Polen literarischen Rang und Authentizität attestiert. Letzteres wurde dagegen in der Bundesrepublik mitunter bezweifelt oder in den Hintergrund gedrängt, besonders da das Augenmerk der Öffentlichkeit vorwiegend seinem politischen Engagement galt und gilt. Vom Dissidenten und Bürgerrechtler Fuchs kann man heutzutage sagen, dass er nach wie vor bekannt ist, aber selten wird, wie einst Herta Müller bemerkte, von der Qualität seiner Literatur gesprochen. Ein neuer Band, basierend auf einer Konferenz im November 2016 in Wrocław, versammelt zahlreiche Beiträge, die diesen Missstand beseitigen möchten.

Das Buch „Sagen, was ist!“ Jürgen Fuchs zwischen Interpretation, Forschung und Kritik hat das Ziel, die Aufmerksamkeit auf den Schriftsteller Jürgen Fuchs zu lenken, seine Literatur im akademisch-wissenschaftlichen Umfeld zu verbreiten sowie einen Beitrag zur Etablierung und Belebung der Jürgen-Fuchs-Forschung zu leisten.

 

8. November, 20 Uhr  |  Volksbad (Knebelstraße 10, 07743 Jena): Wie umgehen mit der Vergangenheit? Der 9. November als Herausforderung und Chance

Podiumsdiskussion am 8. November im Jenaer Volksband, Beginn: 20 Uhr, Eintritt frei.

Kooperationsveranstaltung mit dem Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ im Rahmen von "Tag und Nacht der Demokratie in Jena 2017"

Mit dem Datum des 9. November verbinden sich für Deutschland im 20. Jahrhundert mehrere historische Zäsuren. Neben dem Ende einer Monarchie und der Einführung einer Demokratie 1918 steht der Übergang von der staatlichen Diskriminierung zur systematischen Verfolgung der jüdischen Minderheit im Jahr 1938. Ebenfalls am 9. November fand 1989 der Höhepunkt einer friedlichen Revolution gegen die SED-Diktatur in der DDR statt, durch den Fall der Mauer endete die deutsch-deutsche Teilung.

Die Podiumsdiskussion fragt: Wie lässt sich ein angemessenes Gedenken an diese sehr unterschiedlich erinnerten Ereignisse miteinander verbinden? Am lokalen Beispiel wollen wir dieser Frage nachgehen. Vor dem Hintergrund, dass es einem rechtsextremen Bündnis gelang, am 9. November 2016 mit Fackeln durch das Jenaer Damenviertel zu ziehen, drängt sich die Notwendigkeit auf, über mögliche und adäquate Formen des Erinnerns und Gedenkens zu diskutieren. Zum Gespräch eingeladen sind Akteure aus den Bereichen Geschichtswissenschaft, Justiz, politische Bildung und Zivilgesellschaft.

Impulsvortrag: Dr. Rüdiger Stutz (Stadthistoriker Jena)

Podium: Christian Franke (Web Developer), Christoph Lammert (Berater gegen Rechtsextremismus), Thomas Ott (Rechtsanwalt), Dr. Jeannette van Laak (Historikerin)

Moderation: Henry Bernhard (Hörfunkjournalist), Dr. Franziska Schmidtke (Projektkoordinatorin in der Rechtsextremismusforschung)

 

 
 
© Geschichtswerkstatt 2017