Aktuelle Meldungen und Veranstaltungen

Meldung vom 02. Februar 2017

Zur Aktualität von George Orwells "1984" im Jahr 2017

Ein Kommentar unseres langjährigen "Gerbergasse 18"-Autors Baldur Haase aus Jena:

 

Steht der neue Präsident der USA als „Big Brother“ in den Startlöchern?

 

Es gibt kaum einen Roman der Weltliteratur – außer George Orwells Werk „1984“, der utopischen Vision eines totalitären  Überwachungsstaates –  von dem gesagt werden kann, die Gemüter weltweit immer wieder zu bewegen. Seit sieben Jahrzehnten wird das Buch unterschiedlich ausgelegt und beurteilt. Von Literaturkennern als Erzählung gewürdigt, mit dem der Autor die moderne Science-Fiction Literatur begründet haben soll und von den Machthabern der SED-Diktatur in der DDR als „antisozialistische Hetzschrift“ verfemt, die damit ihrem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und ihrer Justiz Grundlagen in die Hände gaben, Orwell-Leser nach dem politischen Strafrecht zu verfolgen, anzuklagen und in Gefängnisse zu werfen.

Für mich gibt es auf der Welt nur einen einzigen Staat, dem es gelang, Orwells fiktive Diktatur „Ozeanien“ nahezu vollständig zu kopieren. Das ist Nordkorea! In anderen Ländern sind literarische Figuren und Zitate aus „1984“ zu allgemein bekannten Schlagwörtern und Metaphern geworden, wenn es darum geht, auf  Erscheinungen und Missstände aufmerksam zu machen, die befürchten lassen, dass die Regierenden vorhaben, persönliche Freiheiten und allgemeine Menschenrechte einzuschränken oder sogar abzuschaffen.  Bleibt noch zu erwähnen, dass sich George Orwell (1903–1950) im Grabe umgedreht haben könnte, angesichts der seit 1990 produzierten und in der ganzen Welt ausgestrahlten Fernsehshow „Big Brother“. Zu seinen Lebzeiten hätte er es sich verbeten, seine –  mit letzten Kräften als todkranker Mann niedergeschriebene Mahnung vor Totalitarismus  jeglicher Art – als Basis für eine triviale Unterhaltungsschau zu missbrauchen.

Aber da gab und gibt es zum Glück überall unzählige Menschen, die in seinem Sinne handeln. Es sind jene, die dem neuen Präsidenten der USA, Donald Trump, keine Führungsqualitäten als mächtigstem Mann der Welt zutrauen und befürchten, dass er nicht nur ihr Land, sondern die ganze Erde in eine ungewisse Zukunft führen, wenn nicht gar ins Chaos stürzen könnte. Im Internet kursieren sogar schon Berechnungen eines in greifbare Nähe gerückten Endes der Menschheit. Angesichts der Massenvernichtungswaffen, die sich in den Händen von Staaten befinden, die sich feindlich gegenüberstehen, vielleicht gar nicht so abwegig. Mr. Trump hat in wenigen Tagen und Wochen schon derart zahlreiche Befürchtungen geweckt, womit er seine Amtsvorgänger in den Schatten stellen könnte. So ist es kein Wunder, wenn Orwells „1984“ in den USA (aber nicht nur dort) größere Neuauflagen erlebt und auf Bestsellerlisten wieder weit nach vorne rückt. Und so, wie ich 1958 als Jugendlicher Orwells Roman von einem westdeutschen Brieffreund erhalten hatte und beim Lesen Vergleiche zwischen Orwells Ozeanien und meiner DDR-Wirklichkeit anstellte (was mir mehr als drei Jahre Zuchthaus einbrachte), kann ich mir vorstellen, dass besorgte USA-Bürger nun Ähnliches tun, indem sie Orwells  Schilderungen mit Trumps Handlungen vergleichen.

Freilich, ihnen drohen keine Gefängnisstrafen und „1984“ ist nach wie vor frei verkäuflich. Aber, der Präsident hat bereits viele politische Beamte, darunter die Justizministerin, entlassen, weil sie mit seinen Einreiseverboten für Bürger bestimmter muslimischer Staaten nicht einverstanden war. Die Geschichte lehrt uns, dass so mancher Diktator „klein“ anfing.

 

Abbildung: Baldur Haase mit seiner Buchausgabe "1984" von George Orwell.

 

Literaturempfehlung:

Baldur Haase: George Orwells Bücher und wie sie Orwells Leser in der DDR ins Zuchthaus führten, hrsg. von der Landesbeauftragten des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Erfurt 2005.

(Das Buch ist noch in begrenzter Stückzahl über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich.)

 

Meldung vom 24. Januar 2017

Zum Zehnten: Die Geschichtsmesse in Suhl glänzte durch Vielfalt und Diskussionen

Für die 10. Auflage der Geschichtsmesse fanden sich über 300 Besucher im Suhler Ringberg Hotel ein, um an drei Tagen gemeinsam über aktuelle Herausforderungen, alte Fragen und neue Projekte ins Gespräch zu kommen. Ausgerichtet und organisiert wird das bundesweit einmalige Messeformat mit großem Eifer und traditionell am Anfang des Jahres von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

 

Unter dem dreigeteilten Komplex „Kommunismuserbe – Populismus – Extremismus“ ging es vom 19. und 21. Januar um Themenfelder zwischen Gegenwart und Zukunft der historischen Aufarbeitung sowie den Demokratien in Europa, orientiert an konkreten Problemstellen und momentanen Gefahren. Auffällig sei, so Dr. Anna Kaminsky in ihren Eröffnungsworten, dass die gegenwärtige Situation davon gekennzeichnet ist, die Demokratie zunächst wehrhaft verteidigen zu müssen, als wie früher „nur“ kontinuierlich verbessern zu wollen. Dabei ist die schlichte Gegenüberstellung eines „wir gegen die“ zu einfach. Es gilt miteinander auf Augenhöhe zu diskutieren, ohne dabei die eigenen, demokratischen Wertvorstellungen zu vergessen. Auch dem gelegentlichen Vorurteil außenstehender Beobachter wurde begegnet, die Geschichtsmesse sei ein isolierter Tummelplatz allein für DDR-Forscher. Im Gegenteil: Die Geschichte der DDR ist zugleich Bestandteil einer gesamtdeutschen und damit auch europäischen Geschichte, nicht etwa ein abgeteilter Sonderforschungsbereich. Die Aktualität der Messe wurde nicht nur am vollen Tagungssaal deutlich, ebenso an der Vielfalt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer:  Praktiker und Bildner, Wissenschaftler/innen, Lehrer/innen und Schüler/innen, Journalisten, Zeitzeugen, Museums- und Gedenkstättenmitarbeiter, Promovenden, Ehrenamtliche sowie natürlich Historiker/innen.

In diesem Jahr galt dem bevorstehenden Ereignisraum „100 Jahre Oktoberrevolution“ erhöhte Aufmerksamkeit, zu dem zahlreiche Veranstaltungen, Internetangebote und diverse Publikationen im Entstehen begriffen sind. Zum Auftakt wurde skizziert, dass es die erklärte Absicht der ausrichtenden Bundesstiftung ist, sich nicht nur dem Ereignis selbst, sondern vor allem den Folgen seit 1917 nachzugehen – Folgen, die bis in die unmittelbare Gegenwart reichen. Ziel ist ein Verbund aus Veranstaltungs- und Medienformaten, Tagungen und Veröffentlichungen sowie einer Sonderförderung von dezentralen Projekten in ganz Deutschland. Das eigene Jubiläum, nämlich die seit 2008 zum zehnten Mal stattfindende Messe, wurde eingangs mit einer spannenden Fotodokumentation im Querschnitt vorgestellt. Sinn und Zweck waren und sind die Merkmale: anstoßen, informieren, fördern, vernetzen. Äußeres Zeichen des Erfolges ist die inzwischen verdoppelte Teilnehmerzahl in Suhl.

Nach der Begrüßung folgte ein Experten-Podium zum Stand, Modellen und Zukunftserwartungen der Politischen Bildung in Deutschland. Während der Status der politisch-historischen Bildung innerhalb der förderalistischen Strukturen unterschiedlich stark ausgeprägt und finanziert ist, blickten die Podianten dennoch auf ein Erfolgsmodell zurück, gerade im Vergleich zu anderen Ländern in Europa. Politische Bildner/innen können als Brückenbauer und im Netzwerk dauerhaft dabei helfen, historische Wurzeln offenzulegen, Wissen zu vermitteln, Neugier zu wecken oder Prävention zu leisten, um Antworten und Reaktionen auf vereinfachte oder radikale Lösungen zu liefern, egal ob im schulischen oder außerschulischen Wirkungsbereich. Die steigende Tendenz zu „Echokammern“ oder sogenannten „Mini Publics“, in denen nur die eigenen Meinungen bestätigt werden, verkürzen und fragmentieren die Reichweite von Bildungsangeboten demokratischer Projektträger oder Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Mit dem Befund, dass durch bisherige Angebote oft nur noch Teile der Bevölkerung, ob jung oder alt, erreicht werden, muss die Gesamtheit der politischen Bildner selbstkritisch umgehen – von den großen Bildungszentralen mit Millionenbudgets bis zu den kleinen Vereinen auf lokaler Ebene, die jährlich um ihre Existenz kämpfen. Eine weitere Gefahr wurde mit der verbreiteten Neigung benannt, jedes Anliegen gerne ins Internet, auf Videoplattformen oder in kurzlebige Apps auszulagern. Politische Bildung aber darf nicht immateriell werden, trotz aller Innovationspotentiale, sondern beruht weiterhin auf persönlichem Engagement und dem Einsatz vor Ort. Holger Kulick, tätig für die Bundeszentrale politische Bildung, fand für das Bündel an Aufgaben eine passende Metapher: Politische Bildung ist kein Sprit, sondern vielmehr einen Dauerlauf, wo hinter jeder Kurve eine neue Prüfung wartet. Differenzierung darf nicht durch Diffamierung aufgegeben werden, nicht im Internet, nicht in den sozialen Medien, nicht am Stammtisch, nicht im Klassenzimmer, nicht im Hörsaal.

Ein späteres Podium warf einen kursorichen Blick auf die Lage und die Perspektiven der Aufarbeitung in Europa. Gäste aus Albanien, Estland, Serbien und Rumänien trugen viel zum Verständnis der zumeist stark national geprägten Hinterlassenschaft des Kommunismus bei. Dabei wurde bei aller internen Kritik hierzulande deutlich, wie weit fortgeschritten, ausdifferenziert, stabil und aus anderen Ländern bestaunt die Aufarbeitung in Deutschland dasteht. Viele Länder in Ost- und/oder Südosteuropa haben nämlich entweder keinen oder einen nur rudimentär funktionierenden Umgang – gesetzlich wie auch gesellschaftlich – gefunden, um das Erbe der kommunistischen Diktaturen kritisch aufzuarbeiten. Wahlweise verknüpfen sich Amnestie und Amnesie miteinander. Eine nationale Tagespolitik und/oder strategische Bündnisse postkommunistischer Milieus dominieren häufig die Deutung der Vergangenheit.

Eine multimediale und szenische Lesung über den Filemacher und Schriftsteller Thomas Brasch (1945–2001) unter dem Titel „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“ beschloss den ersten Konferenztag poetisch. Die Gespräche zum Messeverlauf endeten aber erst weit nach Mitternacht.

Zu Beginn des zweiten Tages unterrichte die Bundesstiftung über geplante eigene Vorhaben zum diesjährigen Themenschwerpunkt „Der Kommunismus – Utopie und Wirklichkeit“. Ein weiteres Podium im Anschluss ging der Frage nach, wie nah oder fern wir gegenwärtig dem alarmierenden Zustand der späten Weimarer Republik stehen. Reaktionen aus dem Publikum zeigten, dass in der Analyse zum Grad der Bedrohung durch antidemokratische Tendenzen kaum Einigkeit herrscht. Zu den Besonderheiten der Geschichtsmesse gehört die enorme Spannbreite an Projektvorstellungen, die traditionell am Messefreitag stattfinden. Über 50 Einzelprojekte wurden in achten Sektionen und einem Workshop bis zum späten Nachmittag parallel präsentiert. Um die Rolle von Frauen in der DDR, die ein Film mit anschließender Diskussion begleitete, ging es am zweiten Messeabend. Freya Klier, Autorin und Regisseurin eines neuen Films über den Alltag von DDR-Frauen, und Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung und Autorin einer neuen Gesamtdarstellung über „Frauen in der DDR„ (Berlin: Ch. Links Verlag 2016), sprachen über nervige Klischees, Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Frauenbildes vor und nach 1990.

Am Samstagvormittag fokussierte nochmals ein Vortrag über „Populismus und Vergangenheitsaufarbeitung des Kommunismus in Europa“ den Blick auf die momentane und mitunter unübersichtliche Ist-Situation, die vom abschließenden Podium zu den Herausforderungen der Demokratie zwischen Einwanderungsgesellschaft, Flüchtlingspolitik und Extremismus vertieft und weiter gedacht wurde.  Mit dem Aufruf zum Besuch der 11. Geschichtsmesse Anfang 2018 verabschiedeten sich die Besucher in alle Himmelsrichtungen vom eingeschneiten Tagungsort.

Die Geschichtswerkstatt Jena war während der Messetage mit einem eigenen Stand vertreten, konnte viele neue Kontakte knüpfen, Interessierte mit der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ bekanntmachen, über aktuelle Vereinsprojekte (Bildungsprojekte & Zeitzeugenwerkstatt) informieren sowie Anregungen für die eigene Arbeit mitnehmen.

Die Abbildungen in ihrer Reihenfolge: Das Ringberg Hotel in Suhl, vorne im Bild ein Ausstellungs- und Projektcontainer von Hans Ferenz zum Thema "Flucht und Ankunft"; Blick auf den Stand der Geschichtswerkstatt Jena mit Material und Publikationen auf dem Markt der Möglichkeiten; Michael Geithner und Martin Thiele-Schwez bei der Vorstellung ihres neues Geschichtsspiels "Wendepunkte"; Tom Sello (stehend) spricht zur neuen Open-Air-Ausstellung der Robert-Havemann-Gesellschaft in Berlin; Dr. Jens Hüttmann (Mitte) im Gespräch mit Patrick Bahners (FAZ) und Sebastian Ullrich (C. H. Beck Verlag) zur Leitfrage "Leben wir wieder in Weimar?"; abschließendes Podium im großen Tagungssaal zu den "Herausforderungen der Demokratie".

Fotos: Katrin Sauerwein & Daniel Börner

 
 
© Geschichtswerkstatt 2016