Meldungen des Jahres 2026

Meldung vom 10. September 2026

Von Hiddensee nach Syrakus – Eine Filmrezension zur ostdeutschen Sehnsucht nach Freiheit

Freiheit ist bis in die heutige Zeit ein gesellschaftlich umstrittener Begriff, dessen unterschiedliche Deutungen durch verschiedene politische Lager häufig mit Vorstellungen von Unfreiheit für das jeweils andere Lager verbunden sind. Um die Bedeutung von Freiheit wurde bereits im Kalten Krieg heftig gerungen. Das einseitige Freiheitsverständnis der DDR, das auf die Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung und Existenzängsten abzielte, kontrastierte mit den von vielen DDR-Bürgern als erstrebenswert aufgefassten individualistischen Freiheitsrechten der westlichen Demokratie. Die aktuellen Kino-Filme "Hiddensee" und "Spaziergang nach Syrakus" widmen sich in Form einer künstlerisch-historischen Aufarbeitung dieser (ostdeutschen) Sehnsucht nach Freiheit.

 

 

Hiddensee – ein kulturhistorischer Rückzugsort
Der Dokumentarfilm "Hiddensee" von Annekatrin Hendel versucht, die Grenzen zwischen den verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart durch den konsequenten Einsatz eines Schwarz-Weiß-Filters sowie durch die Einbindung von Zeitzeugen, zu verwischen. Im Vordergrund steht die Kunstgeschichte der Insel, insbesondere mit Blick auf die Künstler und Intellektuellen, die es in den Goldenen Zwanzigern auf die Insel zog. Mit dem Nationalsozialismus verschwanden auch die Kunst und ihre Künstler, die in der DDR nur spärlich wieder Anschluss an die Insel fanden. Diese historischen Entwicklungen werden den heute kontrovers diskutierten kulturellen Angeboten der Insel gegenübergestellt, die vor dem Hintergrund der ohnehin angespannten politischen Auseinandersetzungen im Ortschaftsrat zwischen Einheimischen und Zugezogenen betrachtet werden.
Vor 1990 wird Hiddensee als streng überwachtes Grenzgebiet beschrieben, in dem es zwar nicht so gnadenlos wie an der Mauer in Berlin zuging, aber die anwesenden NVA-Soldaten die jungen Menschen, die Hiddensee als Rückzugsort vom DDR-Alltag betrachteten, nie aus den Augen verloren haben. Trotz der schwierigen Zugangsbedingungen, die nicht selten durch konstruierte familiäre Bezüge zur Insel umgangen werden mussten, entwickelte sich Hiddensee insbesondere in den 1980er Jahren zu einem Anziehungspunkt für Künstler, Andersdenkende und Systemkritiker, die dort nach Möglichkeiten zur individuellen Selbstverwirklichung und einem Leben jenseits gesellschaftlicher Normen suchten. Dabei wird beispielsweise die Band "Feeling B" thematisiert, die am Strand ein Geheimkonzert spielte.
Konträr dazu suchte auch die Hautevolee der DDR auf der Insel nach einem Freiheitsgefühl und Abstand vom sozialistischen Alltag. Die Schauspielerin Inge Keller, die die Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns nicht unterzeichnete, bekam nach der Nationalpreisübergabe 1977 von Erich Honecker den persönlichen Wunsch erfüllt, trotz Baustopp ein Haus auf der Insel zu errichten. Während ihre Tochter damals idealistisch gegen die Immobilie opponierte, freut sie sich heute über deren gestiegenen Wert. Dieser Einzelfall wird als Ausdruck der heutigen Folgen der Transformationsphase eingeordnet, in deren Verlauf westdeutsche Investoren das touristische Potenzial der Insel erkannten und die Gentrifizierung vor Ort vorantrieben. Im Ergebnis wird die Insel für viele Einheimische zunehmend unbezahlbar.

 

 

Spaziergang nach Syrakus – Fernweh als Grenzraum
In der ästhetischen Gestaltung und Erzählweise unterscheidet sich die Verfilmung von Friedrich Christian Delius‘ Roman "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" deutlich von Hendels "Hiddensee". Charly Hübner spielt in dieser Tragikomödie den Rostocker Paul Gombitz. Paul arbeitet als Kellner auf dem Ausflugsschi5 „Weiße Flotte“ im Greifswalder Bodden. Obwohl er ursprünglich ein Studium anstrebte, beschreibt er sein Leben in der DDR als weitgehend zufriedenstellend. Einzig sein unerfüllter Reisewunsch Sizillien lässt ihn nicht los. Der Film adressiert hier eine unterrepräsentierte ostdeutsche Lebensrealität von Menschen, die sich mit der DDR verbunden fühlten, zugleich aber nach individuellen Freiheiten strebten, die ihnen der Staat konsequent verwehrte.
Die jahrelang geheim gehaltenen Fluchtvorbereitungen machen sowohl die hohen Hürden einer Flucht aus der DDR als auch die allgegenwärtige Überwachung durch die Staatssicherheit und die individuelle Selbstregulierung des Systems über die Gefahr, sich bereits durch Mitwisserschaft strafbar zu machen, deutlich. So wird etwa der Vorsitzende des Segelvereins misstrauisch gegenüber Pauls möglichen Fluchtplänen, während auch die Bibliothekarin Verdacht schöpft, als er genehmigungspflichtige Bücher zur Militärtechnik ausleihen möchte.
In der dramatischsten Szene fusionieren beide Filme geografisch, indem Paul im nächtlichen Gewitter an der Südspitze Hiddensees vorbei nach Dänemark segelt. Nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik verdeutlicht der Film ein weiteres Hindernis der Flucht aus der DDR: die sippenhaftähnliche Repression. Während eines Telefonats mit seiner Frau Anne, gespielt von Charly Hübners tatsächlicher Ehefrau Lina Beckmann, erkennt Paul, dass Staatssicherheit und Polizei bereits in ihrem Wohnzimmer stehen.
Der Westen wird von Paul als Ort umfassender Freiheit beschrieben, doch eine Spitze gegen den Kapitalismus bleibt nicht aus: Die Menschen sind nur so lange freundlich und offen, wie man über das nötige Kleingeld verfügt. Nach seiner wochenlangen Italienreise und persönlichen Erkenntnissen, die ihm im begrenzten Horizont der DDR in dieser Form verwehrt geblieben wären, begibt er sich auf die Heimreise. Auf dem Brenner, der Grenze zwischen Italien und Österreich, erfährt er vom Mauerfall und erkennt, dass seine Reise nun beinahe überflüssig geworden ist.

 

 

Freiheit – ein unerfüllter Traum?
Während sich "Hiddensee" mit einer kleinen Szene von Aussteigern und Freiheitssuchenden auseinandersetzt, richtet der "Spaziergang nach Syrakus" den Blick auf die unerfüllten Freiheitswünsche von Millionen von DDR-Bürgern. Beide Filme illustrieren bedeutende und unterrepräsentierte Perspektiven im Kontext vielfältiger Lebenserfahrungen in der DDR. Der von mir geschätzte Altersdurchschnitt von etwa 65 Jahren in beiden Vorführungen verdeutlicht, dass sich 37 Jahre nach dem Mauerfall weiterhin viele Menschen mit ihrer ostdeutschen Lebensrealität auseinandersetzen. Vielleicht auch, weil ihre Erfahrungen öffentlich nur unzureichend anerkannt oder dargestellt wurden. In der Blüte ihres Lebens verwehrte ihnen ihr eigener Staat die Möglichkeit, die Welt zu bereisen. Heute hindern sie allenfalls die zu geringen Renten an einem eigenen Spaziergang nach Syrakus.

 

Malte Graber

Historiker, Erfurt

Meldung vom 01. September 2026

„Verlorene Zeit – Gegen das Schweigen“ – Zwei Filmtermine im September

Im September 2026 wird der Dokumentarfilm „Verlorene Zeit – Gegen das Schweigen“ von Torsten Eckold und Stefanie Falkenberg an zwei Orten öffentlich gezeigt und durch ein anschließendes Publikumsgespräch vorgestellt.

Im Film gehen vier Zeitzeugen auf Spurensuche an die Orte ihrer Jugend. Im Durchgangsheim Schmiedefeld, im Jugendwerkhof „Neues Leben“ Wolfersdorf und im Frauengefängnis Hohenleuben waren sie der Willkür des SED-Regimes ausgeliefert, weil sie als „schwer erziehbar“ galten oder in den Westen wollten. Die Zeitzeugen sprechen über Gewalterfahrungen, Isolation und Zwangsarbeit in den Einrichtungen der repressiven DDR-Heimerziehung und im Strafvollzug sowie über die Gründe ihrer Einweisung oder Verhaftung. Jugendliche, die sich nicht ins Normsystem der DDR einfügen wollten oder konnten, sollten mit Zwangsmaßnahmen zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden. Auch in Thüringen gab es solche Einrichtungen.

Der Dokumentarfilm entstand in Zusammenarbeit mit dem Projekt DENKOrte des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ in Jena. An der 90-minütigen Dokumentation wirkten als Experten der Theologe Christian Sachse sowie der Kurator Manfred May mit, der seit Jahrzehnten Ansprechpartner für ehemalige Heimkinder in Thüringen ist. Nach dem Film findet jeweils ein Gespräch mit dem Filmemacher Torsten Eckold und Stefanie Falkenberg, Projektkoordinatorin von DENKOrte, über den Film, ihre Arbeit und die Praxis der repressiven DDR-Heimerziehung statt. Zudem laden wir Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dazu ein, ihre Erfahrungen im Erziehungssystem der DDR mit uns zu teilen. Ziel ist es, nach Jahrzehnten des Schweigens über die eigene Biografie miteinander ins Gespräch zu kommen.

TERMINE

Am 15. September 2026 im Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen (im Rahmen der Ausstellungsstation "BLACKBOX Heimerziehung" der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau), Ausstellungseröffnung: 17 Uhr, Filmbeginn: 18 Uhr.

Am 17. September 2026 im Ratssaal der Volkshochschule "Karl Mundt" Suhl (Meininger Straße 89, 98529 Suhl), Beginn: 17 Uhr. Eine Kooperationsveranstaltung mit dem Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA). Die Moderation übernimmt die Historikerin Dr. Anke Geier (ThLA).

 

Meldung vom 21. August 2026

Lust, Ländlichkeit und Lebenswandel: Erotikshops als Spiegel ostdeutscher Transformation – Eine Rezension zur Ausstellung „Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“ in Erfurt

Clubs wie das „KitKat“ oder „Berghain“ in Berlin gelten mittlerweile auch im Mainstream als Sinnbilder sexueller Freizügigkeit einer offenen Gesellschaft. Dass Sexualität im ländlichen Raum genauso präsent ist, aber vielleicht weniger offen ausgelebt wird, zeigt die Bildausstellung „Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“ der Fotografen Karen Weinert und Thomas Bachler zum gleichnamigen Buchprojekt von Uta Bretschneider und Jens Schöne. Vor zwei Jahren wurde der Band auch schon in der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ (Heft 112) rezensiert.

 

Erotikshop in Herzberg, aus der Serie „Provinzlust“ von Karen Weinert und Thomas Bachler.

 

Ostdeutsche Lebensrealität
Der Auftrag für die Publikation ‚Provinzlust‘ führte uns in eine Welt, die zunehmend aus dem öffentlichen Blick verschwindet, und zu Menschen mit vielfältigen Lebensgeschichten.“ – Karen Weinert
Die zunächst vielleicht ungewöhnlich wirkende Auseinandersetzung mit Erotikshops außerhalb der Großstädte erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein äußerst relevanter Beitrag zu einem Grundanliegen der DDR- und Transformationsforschung, nämlich der alltagsgeschichtlichen Analyse individueller Erfahrungen. Die Interviews mit den Shopbetreibenden ermöglichten die Analyse eines bisher nur wenig dokumentierten, von Scham und Stigmata geprägten Themenfeldes, wodurch eine ostdeutsche Lebensrealität abgebildet werden konnte, die sonst im Verborgenen geblieben wäre.

 

Wandel in Ostdeutschland
Wie unter einem Brennglas lassen sich anhand der Erotikshops in Ostdeutschland Umbruchsgeschichten seit dem Ende der DDR nachzeichnen.“ – Uta Bretschneider
Erotikshops stellen durch ihren stetigen Wandel in Ostdeutschland seit den 1990er Jahren einen besonderen Betrachtungsgegenstand der Transformationsforschung dar. Während die Erotikläden zu Beginn der 1990er Jahre im Zuge der Euphorie wie Pilze aus dem Boden schossen, begünstigt durch ein nachzuholendes Konsumbedürfnis in Kombination mit fehlender Auslebung sexueller Bedürfnisse in einer prüden und bisweilen spießbürgerlichen DDR-Gesellschaft, setzte bereits Mitte der 1990er Jahre durch eine Insolvenzwelle unwirtschaftlicher Geschäfte ein Bewusstsein für die neuen realexistierenden kapitalistischen Verhältnisse ein. Der wachsende Onlinehandel ab den 2000er Jahren übte einen neuen Druck auf die bestehenden Erotikshops aus, wodurch sie zu einem weiteren Repräsentationsobjekt sterbender Innenstädte wurden.
Der heutige Zustand der Erotikgeschäfte stellt die ernüchternde wirtschaftliche Situation des ostdeutschen ländlichen Raumes dar. Die teilweise heruntergekommenen, im Interieur seit den 1990er Jahren unveränderten Läden repräsentieren Landstriche, die von schwindenden Perspektiven und fehlendem Wirtschaftswachstum gekennzeichnet sind. Die Ladenbesitzer sind zumeist mit instabilen ökonomischen Verhältnissen konfrontiert, die sie nur mit einem zweiten Standbein oder einer mietfreien Verkaufsfläche kompensieren können. Die häufig abwertend als Erotik- oder Sexshops bezeichneten Läden auf dem Land stehen hippen Läden wie dem „playstixx“ in Berlin gegenüber.

 

Erotikshop in Cottbus, aus der Serie „Provinzlust“ von Karen Weinert und Thomas Bachler. 


Erotikshops als demografischer Spiegel Ostdeutschlands
Die Fotografien lasse zudem Rückschlüsse auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Ostdeutschland zu. Die modern gestalteten Läden in den großen Städten sprechen in ihrem Erscheinungsbild zufolge eher ein jüngeres Publikum an. Die höheren Ladenmieten und das kleinere Produktsortiment legen die Vermutung nahe, dass ihr Angebot stärker auf höherpreisige Produkte und damit auf eine einkommensstärkere Kundschaft ausgerichtet ist. Darin spiegelt sich eine demografische Entwicklung Ostdeutschlands wider, die durch Abwanderung junger Menschen in die Großstädte auf der Suche nach besseren beruflichen Perspektiven geprägt ist.
Gleichermaßen richten sich die Großstadtshops vermehrt an queere Menschen und Frauen. Konträr dazu spielen die ländlichen Erotikshops mit dem männlichen und heterosexuell geprägten Blick, was sich an einer größeren Produktpalette an Damenreizwäsche und Pornografie beobachten lässt. Darin zeigt sich unter anderem der seit den 1990er Jahren anhaltende Zuzug junger Frauen in die Großstädte sowie in den Westen Deutschlands, der mit einem Männerüberschuss in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands einhergeht. Der unterschiedliche wirtschaftliche Status der Erotikshops lässt sich schließlich auch dadurch erklären, dass ihre Zielgruppe neben der sexuellen Selbstverwirklichung häufig nach Möglichkeiten individueller Entfaltung sucht, die in Metropolen eher zur Verfügung stehen als im strukturschwachen und eher konservativ geprägten ostdeutschen ländlichen Raum.
Falls Sie nun „Lust“ bekommen haben, selbst einen Einblick in den Erotikhandel der ostdeutschen Provinz zu erhalten, können Sie die Ausstellung noch bis zum 25. Oktober 2026 im Museum für Thüringer Volkskunde in Erfurt besuchen.

 

Malte Graber

Historiker, Erfurt

Meldung vom 12. August 2026

Wer weiß was? Auf der Suche nach der 1982 verschwundenen Skulptur von Michael Blumhagen zum Gedenken an Matthias Domaschk

Am 12. April 1981 starb der 23-jährige Matthias Domaschk in der Untersuchungshaftanstalt Gera des Ministeriums für Staatssicherheit. Matz, wie ihn seine Freunde nannten, gehörte zur oppositionellen Szene von Jena und geriet dadurch ins Visier der Staatsmacht. Nach offizieller Darstellung soll er sich wenige Minuten vor seiner geplanten Entlassung das Leben genommen haben. Zum Todesfall wurde wiederholt und ausführlich geforscht, dennoch sind die genauen Umstände nicht zweifelsfrei geklärt.
Aus Anlass des ersten Todestages errichteten Freunde von Domaschk gemeinsam mit dem Bildhauer Michael Blumhagen auf dem historischen Johannisfriedhof in Jena im April 1982 eine Steinskulptur zu seinem Gedenken. Die sitzende, schutzsuchende Figur („Der trauernde Mann“) trug im Sockel den Namen des Verstorbenen sowie das Geburts- und Todesdatum. Es sollte ein sichtbarer Ort des Erinnerns sein – auch für Menschen von außerhalb.

 

Vier Männer und ein Lada mit Anhänger
Zeitzeugen zufolge wurde die zentnerschwere Skulptur noch am Tag ihrer Aufstellung von Mitarbeitern der Staatssicherheit in Augenschein genommen. In der Folge sei Druck auf die Kirchengemeinde ausgeübt worden, das Domaschk-Denkmal zu entfernen. Wenige Tage später wurde die Skulptur von vier Personen auf einen Anhänger gehievt und mit einem blauen Lada abtransportiert.
Der Vorgang wurde aus einem benachbarten Gebäude heraus fotografisch dokumentiert. Die Aufnahmen gelangten in die Bundesrepublik und wurden dort unter anderem im „Spiegel“ veröffentlicht. Seitdem ist der Verbleib der Skulptur ungeklärt. Auch die Lebens- und Arbeitsumstände von Michael Blumhagen stehen in engem Zusammenhang mit den Ereignissen. Im Juni 1982 wurde er zum Reservistendienst einberufen. Da er den Dienst an der Waffe verweigerte, wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt. Während dieser Zeit wurde das von ihm bewohnte Bauernhaus in Graitschen baupolizeilich gesperrt und abgerissen, zahlreiche seiner Arbeiten gingen dabei verloren oder wurden zerstört.
45 Jahre nach dem Tod von Matthias Domaschk ist die verschwundene Skulptur nach wie vor von hoher symbolischer Bedeutung. Sie verweist auf einen blinden Fleck im kulturellen Gedächtnis der Stadt Jena und darüber hinaus. Offen ist bis heute, wer den Abtransport konkret veranlasste, welche Institutionen beteiligt waren und welche Rolle kirchliche, städtische oder staatliche Stellen spielten.

 

Die Skulptur des Bildhauers Michael Blumhagen im Andenken an Matthias Domaschk (1957–1981) wurde im April 1982 vom Gelände des Jenaer Johannisfriedhof gestohlen und ist seitdem verschollen.

Foto: Robert-Havemann-Gesellschaft, RHG_Fo_HAB_11847

 

Keine Friedhofsruhe
Das Projekt thematisiert die verschwundene Skulptur bewusst ohne die Erwartung an ein bestimmtes Ergebnis. Gesucht werden Hinweise, Dokumente, Erinnerungen und Gespräche. Wer weiß etwas über den Transport der Skulptur mit Sockel? Wer erinnert sich an das Frühjahr 1982 in Jena? Gibt es Unterlagen in Archiven oder privaten Nachlässen, die bislang unbeachtet geblieben sind? Dieser Aufruf versteht sich ausdrücklich als Auftakt für eine ergebnisoffene Recherche, um die Verbringung der Domaschk-Skulptur von Michael Blumhagen zu klären. Die bisherigen Darstellungen stützen sich auf Zeitzeugenberichte, publizierte Fotografien sowie archivalische Quellen, die jedoch Lücken aufweisen und teilweise widersprüchlich sind. Ziel des kollektiven Projektes ist es, vorhandenes Wissen zusammenzuführen und bislang unbekannte Informationen zu erschließen.

 

Andreas Simon
Pfarrer, Jena

Kontakt (auf Wunsch auch anonym):
Ev.-Luth. Kirchengemeinde Jena
z. Hd. Andreas Simon, Lutherstraße 3, 07743 Jena
Telefon: 03641 573822
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Meldung vom 05. August 2026

Glashaus-Geschichten gesucht: Wer hat Erinnerungen zum Jenaer Glaspavillon im Paradiespark?

Mit der Aufforderung „Erzähl‘ uns Deine Glashaus-Geschichte!“ startete der Verein Glashaus im Paradies im Frühjahr 2026 einen Aufruf, um Erinnerungen der Jenaer Bevölkerung zum Glaspavillon unweit des Seerosenteichs im Paradiespark zu sammeln. „Besonders spannend wäre es für uns zu erfahren, wie es zu DDR-Zeiten am oder sogar im Glashaus war oder ob sich jemand noch an die Zeit der Erbauung erinnern kann“, sagt Vorstandsmitglied Maren Beljan. Der 2005 gegründete Verein kümmert sich um den Erhalt des Glaspavillons, organisiert Konzerte und forscht zur Geschichte des zeitlos modernen Gebäudes.

 

Kleinod der Moderne
Im April 1974 zeichnete der aus einer Jenaer Architektenfamilie stammende und in Weimar ausgebildete Architekt Friedhelm Schubring die Pläne für das außergewöhnliche Parkmobiliar, um architektonische Ästhetik mit einer soziokulturellen Funktion zu verbinden. Schubrings Glashaus griff dabei die Idee des Volksparks auf, von Anfang an konzipiert als Gebäude für die Bevölkerung. Der kleinere Baukörper des Ensembles war als Ausgabe für Spiel- und Sportgeräte geplant, während der größere für verschiedene, auch private Veranstaltungen dienen sollte. Nach Jahren des Leerstands und der Verwahrlosung erfüllt das Gebäude mitten im Jenaer Paradies seit 2005 wieder seinen ursprünglichen Zweck. Durch die ehrenamtliche Initiative des Glashaus-Vereins steht der Glaspavillon zudem seit 2005 auf der Landesdenkmalliste Thüringens, weil er ein herausragendes Beispiel für die Adaption der Moderne in der DDR-Architektur
darstellt. Unverkennbar sind die Anleihen, die Schubring, der im September 2023 im Alter von 79 Jahren verstarb, bei Richard Neutra empfing – einem der herausragenden Vertreter der klassischen Moderne in der Architektur. Die markanten Spinnenbeine sowie die rahmenlose gläserne Ecke und die Lichtgestaltung stehen ganz in dieser Tradition. Aber auch durch einen der wichtigsten deutschen Architekten der 1920er Jahre – Ludwig Mies van der Rohe – ist der Jenaer Glaspavillon inspiriert. Als Vorbild ließe sich dessen Barcelona-Pavillon auf der Weltausstellung 1929 benennen.

 

Das Glashaus im Jenaer Paradiespark. Foto: Archiv Glashaus im Paradies e. V.

 

Mitten im Jenaer Paradies
Anlässlich des Baubeginns vor 50 Jahren erschien zum Tag des offenen Denkmals 2024 das Buch „Der Glaspavillon im Jenaer Paradies“, das inzwischen nahezu vergriffen ist. Auf rund 100 Seiten wird die architektonische Besonderheit des Gebäudes herausgearbeitet und mit Fotoaufnahmen und historischem Bildmaterial ergänzt. Neue Erkenntnisse, die sich aus dem aktuellen Aufruf des Vereins ergeben, sollen in eine 2. Auflage einfließen. „Natürlich sind auch Erinnerungen nach 1989 sehr willkommen“, meint Vereinsmitglied Armin Huber. Ebenso wären private Fotos vom oder Erlebnisse rund um das Glashaus spannende Quellen zur Nutzungsgeschichte des Gebäudes.
Zum kommenden Denkmalstag am 13. September 2026 sollen die eingehenden Antworten und Nachrichten an den Glasfronten des Glashauses ausgestellt werden. Besuchende können die Schaufenster-Ausstellung dann um eigene Erinnerungen zum Haus erweitern oder die vorhandenen als Gesprächsanlass über Haus und Zeit nutzen. Bereits jetzt arbeitet der Verein an einem Veranstaltungsprogramm zur 50. Wiederkehr der Glashaus-Eröffnung im Jahr 2028.

 

Nadine Rall

Kunsthistorikerin, Jena

 

Nachrichten, Hinweise und Erinnerungen erbittet der Verein Glashaus im Paradies an:
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Mehr Informationen zum Jenaer Glaspavillon und zum Glashaus-Verein unter:
www.glashaus-paradies.de oder über den Instagram-Kanal glashaus.im.paradies

Meldung vom 23. Juli 2026

Jubiläumsausgabe erschienen: 30 Jahre „Gerbergasse 18“ (1996–2026)

Im Sommer 1996 erschien die erste Ausgabe der „Gerbergasse 18“. Eine solche Adresse als Zeitschriftentitel wirkt mitunter sperrig oder zumindest erklärungsbedürftig, denn eine Straße oder Gasse, wo einst die Gerber das Handwerk der Lederherstellung ausübten, gibt es in vielen Städten. Ein Backsteinhaus in der Jenaer Gerbergasse wurde vor rund 30 Jahren zum Vereinsdomizil der Geschichtswerkstatt Jena und wenig später zum Redaktionssitz der neuen Zeitschrift namens „Gerbergasse 18“. Zu dieser Zeit standen die Räume des Gebäudes schon einige Jahre leer, weil die früheren „Mieter“ abrupt ausgezogen waren. Ebendort befand sich – auf einem nach außen blickdicht abgeschirmten Areal – ab Mitte der 1970er Jahre die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Dementsprechend wurde „die Gerbergasse“ vor 1990 in Jena umgangssprachlich mit der Stasi gleichgesetzt. Am 4. Dezember 1989 gelang es mutigen Bürgern im Zuge der Friedlichen Revolution, die Tätigkeit der Geheimpolizei, die sich kurz zuvor in „Amt für Nationale Sicherheit“ umetikettiert hatte, zu beenden und die bereits begonnene Vernichtung von Unterlagen und Beweisen zu stoppen.
Nach Gründung der Geschichtswerkstatt Jena am 17. Juni 1995 – symbolträchtig am Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR – fand der Verein schließlich in der Gerbergasse 18 eigene Räumlichkeiten und es entstand die Idee, nicht nur regelmäßig Vorträge, Ausstellungen und Bildungsveranstaltungen zu organisieren, sondern auch eine eigene Publikation herauszugeben. An dem vormals angsteinflößenden Ort, wo über Lebensläufe und Laufbahnen entschieden wurde, wo Berichte angelegt, Menschen gedemütigt und „Zersetzungen“ geplant wurden, sollte ein Periodikum für die historisch-politische Aufarbeitung entstehen. Damit wurde beabsichtigt, dass „Themen der regionalen Geschichte unter besonderer Berücksichtigung Jenas während der zwei Diktaturen dieses Jahrhunderts öffentlichkeitswirksam behandelt werden“, wie es in der ersten Vereinssatzung hieß.
Ein Jahr später lag die erste Ausgabe der fortan vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift vor, in den ersten zehn Jahren mit dem Untertitel „Forum für Geschichte und Kultur“. Das Editorial im Heft 1 skizzierte mit dem programmatischen Titel „Gegen Geschichtsklitterung“ das Profil und die Ausrichtung. Hier wurde kein Rundbrief eines gemütlichen Geschichts- oder Heimatvereins eingeleitet, sondern die Sichtbarmachung der doppelten Diktaturvergangenheit, das Benennen der Täter sowie das Ausleuchten tabuisierter Bereiche der Stadt- und Regionalgeschichte angemahnt. Zugleich entwickelte sich der Verein zu einer Anlaufstelle für Geschichtsinteressierte und Betroffene von SED-Unrecht.
Der Zeitschriftenname wurde allmählich zum Markenkern und das Werkstattprojekt konnte sich in den zurückliegenden drei Jahrzehnten – auch über Thüringen hinaus – etablieren. Viele Personen und Institutionen haben im Vorder- und Hintergrund dazu beigetragen, dass die Vierteljahresschrift durchgehalten und überlebt hat – durch vielfältige Förderung, Unterstützung und Mitarbeit. Nicht zuletzt gilt denen unser Dank, die die Zeitschrift lesen, abonnieren, empfehlen, weiterreichen und kritisch begleiten. 30 Jahre „Gerbergasse 18“ bieten den Anlass und den Rahmen, in diesem erweiterten Jubiläumsheft auf Geschichte und Gegenwart der Zeitschrift zu blicken.
Der einstige Gebäudekomplex der Staatssicherheit ist längst überbaut und wird heute von der Jenaer Stadtverwaltung genutzt. Das frühere Stasi-Gebäude in der Gerbergasse wurde 2007 abgerissen. Geblieben ist die „Gerbergasse 18“, um alten und neuen Formen der Geschichtsklitterung, dem Schönreden der Diktatur und der Verharmlosung von politisch motiviertem Unrecht entgegenzutreten.

Das Inhaltsverzeichnis und einige Leseproben der Jubiläumsausgabe finden Sie HIER.

Das Heft ist wie üblich im lokalen Buchhandel, an ausgewählten Verkaufsorten sowie direkt bei der Geschichtswerkstatt Jena erhältlich.

Meldung vom 24. April 2026

Wer ist auf dem Internationalen Bergwanderweg der Freundschaft Eisenach–Budapest (EB) gewandert?

Für meine Masterarbeit zum ersten "sozialistischen Fernwanderweg" suche ich Interviewpartnerinnen und -partner, die zwischen 1983 und 1989 auf dem „Internationalen Bergwanderweg der Freundschaft Eisenach-Budapest“, in der Wanderszene mit EB abgekürzt, unterwegs waren. Speziell richtet sich die Anfrage an Personen, die auch die Streckenabschnitte in Polen und in der Tschechoslowakei zurückgelegt haben. Im Gespräch soll es um die Wandermotivation, die getroffenen Vorbereitungen sowie persönliche Erlebnisse während der Reise gehen. BITTE melden Sie sich bei Interesse bei mir, Marie Bullerschen, per E-Mail mit Angaben zum Zeitraum Ihrer Wanderung(en) und zu den von Ihnen bereisten Ländern. Ich freue mich auf Ihre Nachricht!

Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Hinweisschild zum Europäischen Fernwanderweg E3, der auf den "Internationalen Bergwanderweg der Freundschaft Eisenach–Budapest" (EB) zurückgeht, in der Drachenschlucht bei Eisenach, März 2026. Foto: Marie Bullerschen

 

Meldung vom 20. April 2026

Arbeiterschriftsteller und Staatsfeind: Jürgen Köditz (1939–2026)

Der Jenaer Autor Jürgen Köditz ist am 28. März 2026 im Alter von 86 Jahren in seiner brasilianischen Wahlheimat verstorben. Nach einer Schlosserlehre wurde er Mitte der 1960er Jahre Mitglied im "Zirkel schreibender Arbeiter" des Kombinats Carl Zeiss Jena und studierte später am Literaturinstitut in Leipzig. Seine frühen Gedichte zur Arbeitswelt finden sich im Band "Meine Blaujackenzeit" (1976). In der Operativen Personenkontrolle "Träumer" wurde Köditz jahrelang vom Ministerium für Staatssicherheit bearbeitet, das weitere Veröffentlichungen von ihm verhinderte. Erst 1989 erschien die zeitkritische Aphorismen-Sammlung "Spitzensalat" mit Zeilen wie diesen: "Der Generaldirektor war ein Arbeitspferd; er ackerte tagtäglich von früh bis spät sämtliche Papierfelder um. Trotzdem wächst die Produktion." Der Lyriker und Aphoristiker veröffentlichte auch in der "Gerbergasse 18". Den autobiografisch geprägten Bericht "Erinnerungen an ein Leben im Bilderbuch-Sozialismus" aus Heft 59 (Ausgabe 4/2010) stellen wir im Andenken an Jürgen Köditz HIER zur Lektüre zur Verfügung.

 

Die Bände "Spitzensalat" (Eulenspiegel Verlag 1989) und "Meine Blaujackenzeit" (Verlag Tribüne 1976) von Jürgen Köditz.

 

Aus dem Zyklus „Mensch-ärgere-dich-Gesellschaft“ (2016) von Jürgen Köditz:

 

Das Leben ist ein Fussballspiel

Im Leben ziehen die Mitmenschen hart vom Leder.
Entweder du bist Fussball oder Balltreter.
Als Ball kannst du dich nicht verstecken,
denn du musst tausende Tritte einstecken.
Glücklich ist der Ball, den keiner hält,
wenn er im Jubelschrei ins Tor fällt.

 

Ein Arschloch-Mühlenleben

Die am goldenen Lenkrad sitzen,
buckeln nicht mehr nach oben,
brauchen auch nicht ums täglich` Brot toben,
weder nach unten treten
und nicht zu schwitzen.
Jedoch im Arschloch-Mühlenleben
heißt es, sich Vowärtsbewegen,
die andern aufs Kreuze legen.
Bist du nicht rücksichtslos,
wird dein Konto niemals groß.

 

Das Leben

Das Leben: Ist eine Zitrone. Dauernd wird man ausgepresst und weggeworfen.
Das Leben: Ist eine Hühnerleiter, beschissen von oben bis unten.
Das Leben: Ist ein kleiner Furz. Leider kann der nicht gegen die viele Misthaufen
anstinken.
Das Leben: Ist ein Lotteriespiel. Dabei ziehen wenige das Glückslos, die meisten bleiben
trostlos, arbeitslos, lustlos, rücksichtslos, rechtslos.
Das Leben: Ist eine Weihnachtsgans, dauernd wird man ausgenommen und in die Pfanne
gehauen.
Das Leben: Wird zum Abfall, da werden wir oft fallengelassen, wie eine heiße Kartoffel.
Das Leben: Ist ein Fussabtreter, da trampeln alle auf einem herum.
Das Leben: Ist eine Klapsmühle. Laufend wird man verrückt gemacht, denn überall
erkrankt der gesunde Menschenverstand.
Das Leben: Ist ein aufrechter Gang. Dieser wird oft vom politischen Getriebe außer Gang
gesetzt.
Das Leben: Ist ein Kreuz. Wer nicht zu Kreuze kriecht, muss sein Kreuz aufrecht tragen.
Das Leben: Ist ein Dschungel, in dem man sich laufend verirrt. Besonders im Blätterwald
der Bürokratie verliert man den Durchblick.
Das Leben: Stellt den Mensch in den Mittelpunkt, um ihn von allen Seiten in den Arsch zu
treten.


Ärgerliche Gesellschaftsspiele

Mensch ärgere dich, lieber nicht, denn im Staatscomputer bist du ein dummes Luder.
Die Bürokratie treibt mit dir ihr Gesellschaftsspiel.
Manch einer hat es satt, man spielte ihn schachmatt.
Klassenlotterie: Gehörst du nicht zur herrschenden Klasse, bittet man dich zur Kasse. Das
am meisten gezogene Los, lautet arbeitslos.
Schattenspiel: Über den eigenen Schatten springen, will nicht gelingen. Man springt immer
ins Fettnäppchen.
Seilziehen: Da siegt man nur mit einer starken Seilschaft. Alleine wird man im hohen
Bogen ins Abseits gezogen.
Bumerangspiel: Das betrifft die Kritik. Übt man harte Kritik, kommt diese knallhart auf
einen zurück.
Abgekartetes Spiel: Einen Schwarzen Peter zog schon jeder. Manch einer bekommt davon
zu viel.
Rechenspiel: Damit hast du nicht gerechnet. Sie berechneten Dir doppelt und dreifach zu
viel.
Räuber und Gendarm: Hieß unser Kinderspiel. Besonders in höheren Kreisen weiß man
heuzutage nicht, wer Räuber oder Gendarm ist.
Glücksspiele: Vielen bringen dieses kein Glück. Zumeist fallen sie zum Pech zurück.
Skatspieler: Sie spielen und spielen, wobei sie laufend ihre Kehlen spülen. Andere wühlen
und wühlen und müssen sich quälen mit trockenen Kehlen.

Meldung vom 10. April 2026

Historisches Spielzeug im Stadtmuseum Saalfeld

So mancher Besucher wird sich bei dieser Ausstellung an die Empfindungen erinnern, als er sein Lieblingsspielzeug an Weihnachten oder zum Geburtstag in den Händen hielt. Oder an das Vergnügen, damit zu spielen. Die am 28. März eröffnete Ausstellung „Am Anfang war die Eisenbahn" stellt Spielzeug aus der Privatsammlung Robin Wagner aus und ist noch bis Ende Mai im Stadtmuseum Saalfeld zu sehen. Gezeigt werden neben historischem Spielzeug unter anderem Blecheisenbahnen und Puppen aus dem Zeitraum 1880 bis 1980. Sie entstammen der umfangreichen Sammlung des jungen Historikers Robin Wagner.

Die gezeigten Spielzeuge lassen aber nicht nur persönliche Erinnerungen wach werden, denn die Ausstellung zeichnet die Geschichte einer seit Jahrzehnten andauernden Leidenschaft nach. Das Eisenbahnmodell, mit dem diese Sammelleidenschaft begann, fesselt am Eingang zur Ausstellung die Aufmerksamkeit. Es folgen Puppenhäuser und Kaufmannsläden sowie ein Kalender mit Abbildungen von Puppenhäusern. Die Besucher dürfen an der Begeisterung des Sammlers teilhaben, als dieser eines der darin abgebildeten Stücke auf einer Auktion entdeckte. Zu bestaunen sind auch Karussell-Modelle, historische Verkehrsspiele, Spielzeugautos und zahlreiche weitere Schätze. So manches Stück wurde vor der Entsorgung bewahrt. Andere Spielzeuge wurden auf Dachböden entdeckt und vor dem Vergessen gerettet. Einige Gegenstände (teilweise in Originalverpackung) kommen aus dem Familienerbe. 

Plakat der Saalfelder Sonderausstellung. Foto: Günter Lipfert

 

Die Saalfelder Spielzeugschau vermittelt nebenbei auch Alltageschichte. Denn Spielzeuge, so eine zentrale These der Ausstellung, sind immer auch ein Spiegel der Alltagskultur. Das zeigen filigrane Maggi-Fläschchen und Waagen im Kaufmannsladen ebenso wie das Messemodell einer Waschmaschine aus dem Jahr 1910. Spannend sind hier insbesondere die Produktionsdetails der Objekte. So erhielten die Schränkchen eines Kaufmannsladens von 1890 eine individuelle Bemalung.

 

Kaufmannsladen mit Bemalung. Foto: Günter Lipfert

 

Zudem belegen einige Exponate, dass Spielzeuge zuweilen auch die zeitgenössischen politischen Umstände widerspiegeln. Ein mit einer Schnur bewegbares Ringerpaar aus dem Jahr 1897 bezieht sich auf den Konflikt zwischen dem Osmanischen Reich und Griechenland um die Insel Kreta. Der Alltagsrassismus im späten 19. Jahrhundert fand in der „Jolly Nigger Bank“, einer mechanischen Spardose aus dem US-amerikanischen Connecticut, seinen Ausdruck. Wie tief verwurzelt rassistische Denkweisen nicht nur in den USA, sondern in Europa bis in die Gegenwart sind, lässt sich mithilfe von Ausstellungsgegenständen eindrücklich nachvollziehen. Spielzeuge transportieren nicht selten die Ziele eines politischen Systems oder von politischen Ideologien. Ein Beispiel hierfür ist ein martialisches "Wehr-Schach" aus dem Jahr 1939.

 

"Wehr-Schach" aus dem Jahr 1939. Foto: Günter Lipfert

 

Die Präsentation richtet sich an ein breites Publikum, wobei die Objekte die größte Stärke der Ausstellung sind. Die Ausstellungstafeln berichten anschaulich über persönliche Anekdoten des Sammlers Robin Wagner und vermitteln seine lebenslange Begeisterung. Die Exponate werden kulturhistorisch eingeordnet, was die Ausstellung auch wissenschaftlich aufwertet. Die seitlich angebrachten Texttafeln erläutern schlaglichtartig Aspekte der Kultur- und Industriegeschichte, zeitgeschichtliche Hintergründe und zeitgenössische Anspielungen. Auch für auswärtige Besucher lohnt sich daher die Reise nach Saalfeld und ein Besuch der Ausstellung „Am Anfang war die Eisenbahn" im Stadtmuseum.

 

Günter Lipfert

Saalfeld

Meldung vom 11. März 2026

Neue Ausgabe der „Gerbergasse 18“ mit dem Titelthema BÜCHER erschienen

In George Orwells „1984“ heißt es an einer Stelle: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Von dem erstmals 1949 erschienenen Roman liegen inzwischen über zehn Neuübersetzungen ins Deutsche vor, nachdem das Buch – 70 Jahre nach dem Tod des Autors – gemeinfrei wurde. Orwell schafft es bis heute, uns mit beklemmend aktuellen Themen zu konfrontieren: die Reichweite von Überwachungstechnologien, die manipulative Umschreibung von Geschichte, die Instrumentalisierung der Sprache, die Entstehung autoritärer Herrschaft. Aus einem der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts ist ein Kommentar zur Gegenwart geworden – und ein Longseller der politischen Literatur.
Den 19-jährigen Baldur Haase führte Orwells Warnung vor dem Überwachungsstaat ins Gefängnis, verurteilt 1959 vom Bezirksgericht Gera wegen „staatsgefährdender Hetze und Propaganda“. In mehreren Publikationen hat der Jenaer Publizist dargelegt, wie „1984“ zu seinem „Lebensbuch“ wurde, aber er hat auch recherchiert, wie andere Leser Orwells in der DDR verfolgt und bestraft wurden. Zu seiner intensiven Beschäftigung mit George Orwell und „1984“ hat der Autor für dieses Heft ein neues Kapitel hinzugefügt. Der heute 86-Jährige schaut auf seine Haftzeit in der Strafvollzugsanstalt Waldheim zurück, wo er als gelernter Drucker in der dortigen Gefängnisdruckerei an der Herstellung von Auftragswerken beteiligt war. Ein wiedergefundenes Druckerzeugnis der SED-Propaganda analysiert er nach Orwells Konzept der „Neusprache“ und findet in „1984“ den passenden Kommentar: „Was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit. Es ist unmöglich, die Wahrheit anders zu sehen als mit den Augen der Partei.“
Als im Oktober 1989 ein Druckgenehmigungsvorgang – der Tarnbegriff für die Zensur im „Leseland DDR“ – mit der Objekt-Nummer 410/112/90 vorsah, dass „1984“ als Lizenzausgabe 1990 in der Reihe „ex libris“ des Verlages Volk & Welt erscheinen sollte, hatten die Demonstrationen mit Rufen nach Presse- und Publikationsfreiheit bereits begonnen. Am Ende ist Orwells „1984“ eben nur fast in einer DDR-Ausgabe erschienen.
Ein anderer Klassiker der Sprach- und Machtkritik, der erstaunlicherweise in der DDR erhältlich war, ist Victor Klemperers „LTI“ mit dem Untertitel „Notizbuch eines Philologen“. Der Professor aus Dresden seziert darin die „Lingua Tertii Imperii”, die Sprache des Dritten Reiches. Was der Leipziger Reclam Verlag werbend als „eines der lebendigsten Lehrbücher zur Ideologie des Faschismus“ bezeichnete, wurde durch die sprachlichen Ähnlichkeiten von Diktaturen zur nachgefragten Lektüre – bis 1990 erlebte das Taschenbuch zehn Auflagen. Nach Kriegsende 1945 führte Klemperer seine sprachwissenschaftlichen Beobachtungen fort und notierte nun unter dem Kürzel „LQI“ (Lingua Quarti Imperii), wie sich Propagandafloskeln und Personenkult fortsetzten. Am 25. Juni 1945 schrieb er in sein Tagebuch: „Ich muss allmählich anfangen, systematisch auf die Sprache des vierten Reiches zu achten. Sie scheint mir manchmal weniger von der des dritten unterschieden als etwa das Dresdener Sächsische vom Leipziger.“
Schon 1991 forderte der Schriftsteller Jürgen Fuchs in seinem Langessay „Landschaften der Lüge“, Klemperers Arbeitsweise auf die zweite deutsche Diktatur anzuwenden. In seinen Texten erforschte der 1976 verhaftete und 1977 nach West-Berlin ausgebürgerte Autor in der Nachfolge Orwells die Sprache der Kasernenhöfe, der Staatssicherheit, der totalitären Systeme. Fuchs’ Bücher sind momentan nur noch antiquarisch erhältlich.

Eine Inhaltsübersicht der Ausgabe und Leseproben FINDEN SIE HIER.

Die aktuelle Ausgabe der „Gerbergasse 18“ (Heft 117) ist im Buchhandel oder DIREKT über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich.

Meldung vom 03. März 2026

Tag der Stadtgeschichte 2026 – Erinnerungsräume: Jenas verschwundene Bauwerke

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Der 14. Tag der Stadtgeschichte widmet sich dem baulichen Erbe der Stadt Jena. Mit Vorträgen, Stadtrundgängen, Führungen, Workshops und Filmen wird beleuchtet, wie Erinnerungen an Orte gebunden sind und was ihr Verschwinden für uns bedeutet. Von der ersten Sternwarte zur historischen Altstadt werden Aspekte der Jenaer Stadtgeschichte wie bedeutende Personen, Industrien, Themen und Ereignisse wieder stärker beleuchtet. Die Veranstaltung vermittelt Wissen zu den historischen Ursachen des Stadtwandels und möchte dies mit der Öffentlichkeit im abschließenden Stadtgespräch diskutieren.
Das umfangreiche Programm ist hier abrufbar.

Das Hauptprogramm findet in die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (Vortragsraum) statt, die Stadtrundgänge und Führungen beginnen an verschiedenen Standorten.
Der Tag der Stadtgeschichte ist eine Veranstaltung der Stadt Jena, die von JenaKultur organisiert und durchgeführt wird unter Mitwirkung verschiedener Institutionen, Vereine und Akteure der Stadtgeschichtsforschung. Alle Veranstaltungen sind öffentlich, kostenfrei und ohne Anmeldung. Die einzelnen Führungen und Stadtrundgänge haben eine Kapazität von maximal 30 Personen.
Weitere Informationen unter: www.jenakultur.de/tag-der-stadtgeschichte

Meldung vom 06. Februar 2026

Call for Papers: Heimat im Umbruch – Die Transformation des ländlichen Raumes in Thüringen von 1945 bis heute – Tagung am 1. und 2. Juni 2026 in Erfurt

Der Thüringer Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktaur veranstaltet in Kooperation mit der Universität Erfurt und der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung im Sommer die wissenschaftliche Tagung: Heimat im Umbruch – Die Transformation des ländlichen Raumes in Thüringen von 1945 bis heute. Die Tagung findet am 1. und 2. Juni 2026 im Haus Dacheröden in Erfurt statt.

Der Call for Papers (Frist: 22. Februar 2026) lädt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Praktikerinnen und Praktiker aus verschiedenen Disziplinen ein, ihre Perspektiven und Forschungsarbeiten zu den Transformationserfahrungen Thüringens seit dem Zweiten Weltkrieg vorzustellen. Insbesondere soll untersucht werden, wie sich die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen von der Zeit der DDR bis in die Gegenwart auf das Leben der Menschen in den ländlichen Gebieten ausgewirkt haben. Leitendes Motiv der Veranstaltung ist die interdisziplinäre Kommunikation zwischen den Teilnehmenden.
Thüringen ist ein Land, das von tiefgreifenden historischen Umbrüchen geprägt ist. Von den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen während der DDR-Zeit bis hin zu den wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen nach der Wiedervereinigung hat sich die Region immer wieder neu erfinden müssen. Diese Veränderungsprozesse waren in überregionale und globale Transformationen eingebunden, so dass auch nach der Verschränkung zwischen lokalen, regionalen und überregionalen Dynamiken zu fragen ist. In Thüringen, einem ‚Land ohne Metropolen‘, gibt es kaum größere Städte und wenige Industriezentren. Hier zeigen sich politische, wirtschaftliche und soziale Wandlungsprozesse auf spezifische Weise, nämlich in einer ländlichen Konstellation. In diesem Sinn stellt der ländliche Raum Thüringens, der durch verschiedene Phasen der Zerstörung, Neuordnung und Transformation gegangen ist, ein einzigartiges Forschungsfeld dar.
Eine umfassende Studie zu den Auswirkungen dieser langfristigen Veränderungen auf den ländlichen Raum Thüringens seit dem Zweiten Weltkrieg fehlt bislang, obwohl die Transformationserfahrungen für die politische Landschaft und das Verständnis von heutiger Identität und Heimat von entscheidender Bedeutung sind. Die Tagung möchte hier bestehendes Wissen erstmal zusammenführen und diskutieren.
Den Blick auf die Transformationsprozesse des ländlichen Raumes verbinden wir mit der Frage nach „Heimat“. Galten Positionen, die von „Heimat“ sprechen, lange Zeit als eher unkritisch verklärend und tendenziell „ostalgisch“, so verbinden sich mit „Heimat“ im Hinblick auf die DDR- und Transformationszeit auch systemkritische und negative Erinnerungen. Nicht zuletzt war „Heimat“ auch ein Propagandabegriff der DDR-Regierung.

Bei der Tagung geht es auch um die Politisierung von Erfahrungen im ländlichen Raum: Inwiefern haben die spezifischen Erfahrungswelten im ländlichen Raum Auswirkungen auf die politischen Einstellungen der Menschen? Inwiefern wurden die Erfahrungen zu unterschiedlichen Zeiten zum Anknüpfungspunkt politischer Initiativen bzw. auch politisch instrumentalisiert?

Themenbereiche:
1 Transformation in der DDR: Vielerorts zerstörten die Folgen der staatlichen Umgestaltung der Landwirtschaft, der Städte und generell der sozialen Bedingungen von Gesellschaft in der DDR bewusst traditionell gewachsene Strukturen, etwa durch Zwangsenteignungen, politische Repressionen, Industrialisierung und damit einhergehender architektonischer Veränderung. Zu fragen ist auch, welche Auswirkungen Ereignisse wie die Grenzschließung 1952, der 17. Juni 1953 oder der Mauerbau auf das Leben der Menschen im ländlichen Thüringen hatten.
2 Die Friedliche Revolution von 1989/90: Welche Rolle spielte die friedliche Revolution in Thüringen, insbesondere im ländlichen Raum? Wie haben sich die Ereignisse von 1989/90 auf die politische Identität der Menschen ausgewirkt und welche langfristigen Folgen hatte die Wiedervereinigung?
3 Ökonomische Umbrüche vor und nach 1990: Welche Auswirkungen hatten sozialistische und neoliberale Reformen auf den ländlichen Raum? Wie haben die Menschen den Übergang von einer Planwirtschaft zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung erlebt? Unterlag die Wahrnehmung und der Umgang mit Eigentum von 1945 bis heute einem Wandel?
4 Gesellschaftliche Umbrüche und ihre Folgen: Wie hat sich die soziale Struktur in ländlichen Regionen Thüringens seit 1945 verändert? Welche kulturellen und sozialen Anpassungen mussten die Menschen jeweils zu ihrer Zeit vornehmen, um mit den sich ändernden (neuen) politischen und wirtschaftlichen Bedingungen zurechtzukommen?
5 Politische Akzeptanz und Widerstand: Wie spiegeln sich diese historischen Erfahrungen in der heutigen politischen Landschaft wider? Welche Verwerfungen und Herausforderungen bestehen in der heutigen Thüringer Gesellschaft, und wie beeinflussen sie politische Entscheidungen und Handlungen?

Dieser Call richtet sich an Historikerinnen und Historiker, Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler, Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler, Kulturwissenschaftlerinnen und Kulturwissenschaftler sowie alle weiteren Interessierten, die sich wissenschaftlich und/oder praktisch mit den historischen und aktuellen Transformationserfahrungen Thüringens und ihrer Auswirkungen auf den ländlichen Raum beschäftigen.

Die Ergebnisse dieser Veranstaltung sollen nicht nur das Verständnis über die Transformationen in Thüringen vertiefen, sondern auch aktuelle politische Debatten in einen breiteren historischen Kontext stellen. Wir freuen uns auf Ihre Beiträge und auf einen spannenden Austausch über die Geschichte und die Zukunft Thüringens.

Wir laden Beiträge ein, die sowohl auf qualitativer als auch auf quantitativer Forschung basieren und die verschiedenen Facetten dieser Transformationserfahrungen beleuchten. Die Vorträge sollen circa 15 Minuten dauern.

Mögliche Formate sind:
1 Forschungsbeiträge, die neue theoretische oder empirische Erkenntnisse zu den oben genannten Themen liefern.
2 Fallstudien und biographische Erzählungen, die individuelle oder kollektive Erfahrungen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.
3 Beiträge, die historische und zeitgenössische Perspektiven miteinander verbinden und so einen tiefen Einblick in die langanhaltenden Transformationsprozesse bieten.

Abstracts sollten zwischen 300 und 500 Wörtern umfassen und bis zum 22.Februar 2026 an das Organisationsteam gesendet werden. Mit der Einreichung verbindet sich die Zusage, für eine folgende Tagungspublikation einen Beitrag mit bis zu 10.000 Zeichen zu verfassen.
Bitte senden Sie die Abstracts an Franca Schiminski (ThLA). E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Meldung vom 30. Januar 2026

Verdrängung, Enteignung, Neuanfang – Familienunternehmen in Ostdeutschland von 1945 bis heute

Am 27. Januar 2026 eröffnete die Sonderausstellung „Verdrängung, Enteignung, Neuanfang – Familienunternehmen in Ostdeutschland“ in der Erfurter Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Inhaltlich ein sehr passender Ort, da unter den in der Frühzeit der DDR hier aus politischen Gründen Inhaftierten auch zahlreiche Unternehmer waren, denen angebliche Wirtschafts- oder Devisenverbrechen vorgeworfen worden.
Nicht Teil der Ausstellungsplanung, jedoch ein großes Gesprächsthema unter der Gästen der Vernissage war die katastrophale Nachricht, die die Landeshauptstadt erst vor wenigen Tagen überraschte: Der Online-Handelskonzern Zalando wird seinen Logistikstandort in Erfurt, einst mit staatlichen Subventionen gefördert, bereits im Herbst 2026 komplett schließen. Rund 2700 Menschen werden ihre Arbeit verlieren. Hätte ein in der Region verwurzeltes und familiengeführtes Unternehmen auch so gehandelt?
Die im Untergeschoss der Gedenkstätte aufgebaute Wanderausstellung wurde vom Berliner Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch kuratiert, der in einem Einführungsvortrag die Schwerpunkte des Themas skizzierte und anschließend eine kurze Führung gab. Im von ihm verfassten Buch „Familienunternehmen in Ostdeutschland. Niedergang und Neuanfang von 1945 bis heute“, erscheinen 2023 im Mitteldeutschen Verlag Halle, lassen sich die einzelnen Ausstellungskapitel vertiefen. Sibylle Gausing als Vertreterin der Stiftung Familienunternehmen mit Sitz in München betonte in ihrer Ansprache die Relevanz der historischen Prozesse für die gegenwärtige Unternehmenslandschaft. Wie sähe beispielsweise das bis 1945 weitgehend agrarisch geprägtes Bayern heute aus, wenn es nicht kriegs- und teilungsbedingt von der „Zuwanderung“ von Firmen, Know-how und Köpfen aus dem mitteldeutschen Raum profitiert hätte?
Umgekehrt war Thüringen als industrielles Kernland nach dem Zweiten Weltkrieg besonders stark von den Entscheidungen und Einschnitten der sowjetischen Besatzungsmacht betroffen. Während viele Firmeneigentümer unmittelbar in den Monaten nach Kriegsende aus Furcht vor Enteignung und Demontage flohen und einen Neustart in den westlichen Zonen wagten, waren die verbliebenen Familienunternehmen mit erheblichen Repressionen konfrontiert. Jene massenhaften Firmenabwanderungen zeigen rückblickend deutlich, welcher wirtschaftliche, menschliche und intellektuelle Verlust schon bis zur Gründung der DDR 1949 eingetreten war. Wer also heutzutage nach den Gründen für die weiterhin bestehende wirtschaftliche Schieflage zwischen Ost- und Westdeutschland fragt, sollte vor allem analytisch in diese Phase der Nachkriegsgeschichte blicken. Über 40 Jahre Plan- und Misswirtschaft haben den Osten Deutschlands nachhaltiger geschädigt als die nicht immer weitsichtigen und durchdachten Entscheidungen aus knapp vier Jahren Tätigkeit der Treuhandanstalt. Und auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die unternehmer- und eigentumsfeindliche Wirtschaftspolitik der herrschenden SED spürbar. Negativer Höhepunkt war die Verstaatlichungswelle 1972, die nahezu alle verbliebenen privaten Betriebe erstickte.
Die Reindustrialisierung verlief nach 1990 weitaus schleppender und beschwerlicher als zunächst erwartet, unter anderem weil parlamentarische Beschlüsse erst verzögert wirksam wurden. Dennoch sind heute fast 90 Prozent der Betriebe in Ostdeutschland Familienunternehmen. Und so stimmt die reich illustrierte Ausstellung erfreulicherweise auch nicht in das allgemeine Klagelied über den Zustand der ostdeutschen Wirtschaft, vergleichsweise geringere Löhne und fehlende DAX-Konzernzentralen ein, sondern stellt mittelständische Erfolgsbeispiele in den Vordergrund, darunter sogar „Hidden Champions“ der gesamtdeutschen Wirtschaft, die Wohlstand, Stabilität und Arbeitsplätze in Deutschland sichern.
Jüngste Veränderungen, wie die Übernahme des Backmittelherstellers Kathi aus Halle – für viele das ostdeutsche Vorzeigefamilienunternehmen – durch den westdeutschen Oetker-Konzern aus Bielefeld im Sommer 2025, konnten freilich noch nicht in die Darstellung integriert werden. Wie maßgeblich inhaber- und familiengeführte Unternehmen für die regionale Identität, das gesellschaftliche Klima und die demokratischen Strukturen in Ostdeutschland sind und bleiben, das vermittelt die Ausstellung überaus anschaulich und verständlich. Bis Mitte März 2026 ist „Verdrängung, Enteignung, Neuanfang – Familienunternehmen in Ostdeutschland“ noch in Erfurt zu sehen.

 

Richard Seeber
Schülerpraktikant in der Geschichtswerkstatt Jena

 

Eindrücke der Ausstellungseröffnung „Verdrängung, Enteignung, Neuanfang – Familienunternehmen in Ostdeutschland“ am 27. Januar 2026 in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Fotos (3): Geschichtswerkstatt Jena

 
 
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