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Neue Ausgabe der „Gerbergasse 18“ mit dem Titelthema BÜCHER erschienen
In George Orwells „1984“ heißt es an einer Stelle: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Von dem erstmals 1949 erschienenen Roman liegen inzwischen über zehn Neuübersetzungen ins Deutsche vor, nachdem das Buch – 70 Jahre nach dem Tod des Autors – gemeinfrei wurde. Orwell schafft es bis heute, uns mit beklemmend aktuellen Themen zu konfrontieren: die Reichweite von Überwachungstechnologien, die manipulative Umschreibung von Geschichte, die Instrumentalisierung der Sprache, die Entstehung autoritärer Herrschaft. Aus einem der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts ist ein Kommentar zur Gegenwart geworden – und ein Longseller der politischen Literatur.
Den 19-jährigen Baldur Haase führte Orwells Warnung vor dem Überwachungsstaat ins Gefängnis, verurteilt 1959 vom Bezirksgericht Gera wegen „staatsgefährdender Hetze und Propaganda“. In mehreren Publikationen hat der Jenaer Publizist dargelegt, wie „1984“ zu seinem „Lebensbuch“ wurde, aber er hat auch recherchiert, wie andere Leser Orwells in der DDR verfolgt und bestraft wurden. Zu seiner intensiven Beschäftigung mit George Orwell und „1984“ hat der Autor für dieses Heft ein neues Kapitel hinzugefügt. Der heute 86-Jährige schaut auf seine Haftzeit in der Strafvollzugsanstalt Waldheim zurück, wo er als gelernter Drucker in der dortigen Gefängnisdruckerei an der Herstellung von Auftragswerken beteiligt war. Ein wiedergefundenes Druckerzeugnis der SED-Propaganda analysiert er nach Orwells Konzept der „Neusprache“ und findet in „1984“ den passenden Kommentar: „Was immer die Partei für Wahrheit hält, ist Wahrheit. Es ist unmöglich, die Wahrheit anders zu sehen als mit den Augen der Partei.“
Als im Oktober 1989 ein Druckgenehmigungsvorgang – der Tarnbegriff für die Zensur im „Leseland DDR“ – mit der Objekt-Nummer 410/112/90 vorsah, dass „1984“ als Lizenzausgabe 1990 in der Reihe „ex libris“ des Verlages Volk & Welt erscheinen sollte, hatten die Demonstrationen mit Rufen nach Presse- und Publikationsfreiheit bereits begonnen. Am Ende ist Orwells „1984“ eben nur fast in einer DDR-Ausgabe erschienen.
Ein anderer Klassiker der Sprach- und Machtkritik, der erstaunlicherweise in der DDR erhältlich war, ist Victor Klemperers „LTI“ mit dem Untertitel „Notizbuch eines Philologen“. Der Professor aus Dresden seziert darin die „Lingua Tertii Imperii”, die Sprache des Dritten Reiches. Was der Leipziger Reclam Verlag werbend als „eines der lebendigsten Lehrbücher zur Ideologie des Faschismus“ bezeichnete, wurde durch die sprachlichen Ähnlichkeiten von Diktaturen zur nachgefragten Lektüre – bis 1990 erlebte das Taschenbuch zehn Auflagen. Nach Kriegsende 1945 führte Klemperer seine sprachwissenschaftlichen Beobachtungen fort und notierte nun unter dem Kürzel „LQI“ (Lingua Quarti Imperii), wie sich Propagandafloskeln und Personenkult fortsetzten. Am 25. Juni 1945 schrieb er in sein Tagebuch: „Ich muss allmählich anfangen, systematisch auf die Sprache des vierten Reiches zu achten. Sie scheint mir manchmal weniger von der des dritten unterschieden als etwa das Dresdener Sächsische vom Leipziger.“
Schon 1991 forderte der Schriftsteller Jürgen Fuchs in seinem Langessay „Landschaften der Lüge“, Klemperers Arbeitsweise auf die zweite deutsche Diktatur anzuwenden. In seinen Texten erforschte der 1976 verhaftete und 1977 nach West-Berlin ausgebürgerte Autor in der Nachfolge Orwells die Sprache der Kasernenhöfe, der Staatssicherheit, der totalitären Systeme. Fuchs’ Bücher sind momentan nur noch antiquarisch erhältlich.
Eine Inhaltsübersicht der Ausgabe und Leseproben FINDEN SIE HIER.
Die aktuelle Ausgabe der „Gerbergasse 18“ (Heft 117) ist im Buchhandel oder DIREKT über die Geschichtswerkstatt Jena erhältlich.
