Meldungen des Jahres 2016

Meldung vom 26. September 2016

„Der Aufstand“ und sein Chronist: Klaus Harpprecht (1927–2016) war Autor der ersten Gesamtdarstellung des Volksaufstandes am 17. Juni 1953

Am 21. September 2016 verstarb der Journalist und Autor Klaus Harpprecht. In zahlreichen Nachrufen wurde an sein Schaffen erinnert, an den Redenschreiber von Willy Brandt, den Biografen von Thomas Mann, den Verlagsleiter, Herausgeber und nicht zuletzt an den Autor vieler bedeutender Monografien. Weniger bekannt ist, dass Harpprechts erstes Buch unter dem Pseudonym „Stefan Brant“ 1954 erschien und die erste fundierte Gesamtdarstellung zum 17. Juni 1953 war. Harpprecht, damals Mitarbeiter im Berliner RIAS („Rundfunk im Amerkanischen Sektor“), prägte mit dem Buchtitel nachhaltig die charakteristische Bezeichnung „Aufstand“. Seine Darstellung bot Lesern erstmals Informationen zu Vorgeschichte, Ereignissen und Deutung des 17. Juni. Das 1957 in 2. Auflage publizierte Buch beinhaltet auch Berichte über die Ereignisse in Thüringer Städten wie Jena, Weimar, Erfurt, Apolda oder Gotha (S. 199 ff.).

Stärker als die zeitgenössischen Darstellungen von Curt Riess (ebenfalls 1954) und Arnulf Baring (1957) zeichnete Harpprecht unter Mitarbeit von Klaus Bölling ein facettenreiches und vielschichtiges Bild des 17. Juni, enthalten sind bereits mehrere authentische Fotos und im hinteren Buchdeckel die später vielfach reproduzierte DDR-Karte mit Ereignisorten des Volksaufstandes. Harpprechts unmittelbare Darstellung prägte die Forschung und Auseinandersetzung mit den Ereignissen am 17. Juni 1953 viele Jahrzehnte; erst in den 1990er Jahren ergänzten neuere Forschungen sein Werk, aber im Wesentlichen traten erst ab 2003 – dem 50. Jahrestag – umfangreiche Gesamtdarstellungen und Einzeluntersuchungen an dessen Stelle.

Harpprecht schreibt im seinem Schlusswort: „Ich erlebte den 17. Juni 1953 in Berlin. Später versuchte ich mir Rechenschaft darüber zu geben, was denn das eigentlich Erschütternde dieses Tages ausmachte. Der Mut der Arbeiter, ihre Tapferkeit, die Freude, die Tränen oder der Haß? Oder die Summe all dessen? Vielleicht aber war es die höchste der menschlichen Leistungen am 17. Juni, daß ein dicht gewebtes graues Netz der Lüge, das so fest über das Land der 18 Millionen Deutschen hinter dem großen Zaun gelegt war, mit dem Aufbruch des Volkes zerrissen wurde. Hinter allen Ereignissen stand ein leidenschaftlicher Wille zur Wahrheit.“ (2. Aufl., Stuttgart: Steingrüben Verlag 1957, S. 325)

Mit „Schräges Licht. Erinnerungen ans Überleben und Leben“ legte er im Jahr 2014 sein letztes Buch, eine Autobiografie, vor. „Der Aufstand“, sein erstes, ist antiquarisch sowie in Bibliotheken zu finden und trotz neuerer Forschungsarbeiten zum 17. Juni 1953 noch immer eine ebenso informative wie inspirierende Lektüre.

Wer neben den erwähnten Seiten in der Darstellung Harpprechts mehr über die Ereignisse am 17. Juni 1953 in Jena erfahren möchte, kann sich die 2014 entstandene filmische Zeitzeugendokumentation „Der 17. Juni 1953 in Jena. Skizzen eines Aufstandes“ in unserem YouTube-Kanal ansehen.

 
 
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