Meldungen des Jahres 2016

Meldung vom 30. Juni 2016

Wer stützte die Diktatur? Erfurter Tagung zur Rolle und Bedeutung der DDR-Blockparteien

In der Erfurter Gedenk- und Begegnungsstätte Andreasstraße fand am 27. Juni 2016 eine Fachtagung zu den vier Blockparteien (CDU, LDPD, NDPD und DBD) in der DDR statt. Anlass der von der gastgebenden Stiftung Ettersberg sowie der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und der Bundesstiftung Aufarbeitung gemeinsam veranstalteten Tagung war die Implementierung einer Kommission, die nach Wunsch des Finanziers, der heutigen CDU Thüringen, die Aufarbeitung der Parteigeschichte im Zeitraum von 1945 bis 1990 begleiten, moderieren und ermöglichen soll.

Dieser Impuls kam freilich spät, war nur bedingt eigeninitiativ und wird unter den Bedingungen der politischen Arena sicherlich ein Faktor im Vorfeld der kommenden Landtagswahlen 2019 sein.

Etwas anachronistisch mutete somit der Vorsatz aus der Einleitung zur Tagung an, die die Ziele der „Unabhängigen historischen Kommission zur Geschichte der CDU in Thüringen und in den Bezirken Erfurt, Suhl und Gera“ auf Differenzierung und Versachlichung der öffentlichen Debatte abstellte. Grundlage dieser Diskussion soll später – man spricht von Mitte/Ende 2018 – ein Bericht jener Kommission sein, der wiederum auf der wissenschaftlichen Studie eines Bearbeiters/-in anhand des Arbeitsauftrages der unterstützenden Kommission basiert.

Die dafür notwendige Ausschreibung erfolgte im Juni 2016. Der/die Historiker/-in, die den Auftrag in knapp zwei Jahren ausführen soll, wird demnächst vorgestellt. Dass nicht Schulzuweisungen hier („Blockflöten“) und Rechtfertigungen dort („Eintritt als Rettung vor der SED“) das Klima der Auseinandersetzung zur Rolle und Bedeutung der Blockparteien prägen sollten, war zumindest im Auditorium des Kubus der Andreasstraße Konsens. Dass die Integration der Perspektiven von Zeitzeugen aber neben der Aktenforschung eine komplexe Herausforderung darstellt, machten bereits die ersten Wortmeldungen nach dem Veranstaltungsbeginn deutlich.

Jens Schöne (Stellvertreter des Berliner LStU) legte in seinem Eröffnungsvortrag die momentane Forschungslage zu den Blockparteien offen, die nach nunmehr über 25 Jahren und einer allenfalls überschaubaren bundesdeutschen DDR-Forschung bis 1990 eher mager ausfällt. Neben einer aus Einzelleistungen gespeisten DDR-Parteienforschung mangelt es neben intensiven Untersuchungen zum Machtgefüge innerhalb der SED auch an neueren Studien zu den Blockparteien selbst oder den noch kaum untersuchten Massenorganisationen der DDR. Deshalb wirkt fraglich, wie ein kluges und hinreichendes Forschungsdesign die Grundlage für eine fundierte Diskussion zur Ost-CDU bereits 2018 liefern kann. Schöne spannte den Bogen von den Schwachpunkten der Aufarbeitungslandschaft (z.B. Gremien und Beiräte aus den immer gleichen Aufarbeitungsfunktionären – vom Altersdurchschnitt vergleichbar mit dem einstigen SED-Politbüro) bis zur Kommentierung der jüngst folgenlos gebliebenen BStU-Reformkommission. Vor der frappanten Isolierung und Verinselung großer Teile der DDR-Forschung haben schon mehrere Wissenschaftler außerhalb der Berliner Forschungszentren und Fördertöpfe gewarnt. Ein sich stützendes Zitations- und Rezensionskartell, das fremdsprachige Beiträge konsequent ignoriert, sich in ständigen Selbstreferenzen gefällt und sich dabei kaum fachübergreifenden Fragestellungen öffnet, ist die wohl größte Gefahr für eine zukunftsfähige Forschung, die vergleichen, verflechten, sich transnational ausrichten und ihre Resultate in Beziehung setzen sollte. Gegen den Wissensrückgang bei Schülern über die Diktaturen des 20. Jahrhunderts helfen laut Schöne kaum dicke Bücher, theorielastige Vorträge oder altbackene Wanderausstellungen. Dass es immer noch keinen expliziten Lehrstuhl zur Erforschung der DDR in Deutschland gibt, ist ein beredetes Symbol dieser Schieflage.

In dem mit zahlreichen Zeitzeugen angefüllten Veranstaltungsraum kam es rasch zur häufig gehörten Begründung einer Blockpartei-Mitgliedschaft: Der Eintritt, z.B. in die CDU, hätte vor den Anwerbungsversuchen der SED oder des MfS geschützt und wenn nicht viele verdienstvolle Parteimitglieder als Block funktioniert hätten, wäre alles noch viel schlimmer gekommen – damals. Für manche gerät das Blockparteibuch in der Selbstwahrnehmung nachträglich zum Akt des Widerstandes, um wenigstens einen kleinen Beitrag im Kampf gegen die übermächtige SED geleistet zu haben. Die Bandbreite zwischen Oppositionsträger und Herrschaftsinstrument der SED zeigte die mitunter krasse Differenz zwischen einer Selbstdeutung der Blockpartei-Funktionäre und der „einfachen“ Mitglieder.

In vier dichten Panels ging es chronologisch um einzelne Etappen der Blockparteienentwicklung, die jeweils kurze Diskussionsrunden zuließen. Obwohl sich die Podianten eisern an das Zeitkorsett hielten, war die Tagesveranstaltung mit rund 20 beteiligten Historiker/-innen merklich überladen. Deutlichen Diskussionsbedarf betraf erwartungsgemäß die Zeit ab Mitte der 1970er Jahre bis zum Vorfeld der Friedlichen Revolution. So markierte der Streit um die Bedeutung des „Briefes aus Weimar“ vom September 1989 am Ende noch eine kleine Kontroverse unter den Anwesenden. Die sonstigen Diskussionsansätze verlagerten sich eher auf die kurzen Pausen zwischen den Podien. Ein ähnlicher Zeit- und Ergebnisdruck bleibt der für 2018 angekündigten Untersuchung zur Geschichte der CDU in Thüringen hoffentlich erspart. Auch wenn eine gewisse Instrumentalisierung (innerparteilich oder durch politische Gegner) nach Fertigstellung nicht zu vermeiden sein wird, sollten die Ergebnisse keine Inanspruchnahme einzelner Personen ermöglichen können, sondern die gewünschte gesellschaftliche Debatte idealerweise befördern. Der Zielkonflikt zwischen Kommissionsauftrag und CDU-Geschichtsschreibung bleibt dabei wohl die maßgebliche Herausforderung.

Wer an dem Thema „Stützen der Diktatur“ interessiert ist, dem sei der Beitrag von Christoph Wunnicke in der kommenden Ausgabe der „Gerbergasse 18“ empfohlen: Der Historiker, der auch Teilnehmer der Erfurter Tagung war, beschreibt quellengesättigt Beispiele aus dem Kreis und der Stadt Jena unter der Überschrift „Die Blockparteien als Unterstützer der SED“. Die neue Ausgabe Nr. 79 erscheint Ende kommender Woche, wir informieren dazu an dieser Stelle.

 
 
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