Meldungen des Jahres 2016

Meldung vom 18. April 2016

Das Vergangene ist nicht vergessen – Gedenken an Matthias Domaschk im April 2016

Am 12. April 1981 starb Matthias Domaschk in einem Besucherraum der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera, bis heute sind die Umstände seines Todes ungeklärt. Die von der Stasi propagierte Todesursache Suizid wurde bereits 1981 im direkten Umfeld Matthias Domaschks in Zweifel gezogen. In der Folge kam es zu mehreren Versuchen der Aufklärung, darunter juristische Verfahren gegen Stasi-Offiziere in den 1990er Jahren, die allerdings nur in Sachen Freiheitsberaubung mit Schuldsprüchen endeten. Im Jahr 2015 konstituierte sich schließlich auf Initiative von Renate Ellmenreich (Lebensgefährtin von Matthias Domaschk und Mutter der gemeinsamen Tochter) eine Arbeitsgruppe, die von der Thüringer Staatskanzlei unterstützt und begleitet wird.

Am 12. April 2016 erschien ein Zwischenbericht der Arbeitsgruppe in Ausgabe 1/2016 der Zeitschrift „Gerbergasse 18“. Darin wird zusammenfassend festgestellt, dass „auf der Grundlage der aktuellen Fakten dennoch die These bestehen [bleibt], dass Matthias Domaschk keinen in ‚Kurzschlussreaktion‘ selbstgewählten Suizid begangen haben kann.“ Bis zur Vorlage des Abschlussberichtes im Juni 2017 anlässlich des 60. Geburtstages von Matthias Domaschk seien jedoch weitere Recherchen notwendig: „Wichtigster Ansatz aber bleibt die Zeitzeugenbefragung, die bis Ende 2016 realisiert werden soll.“ Mitglieder der Arbeitsgruppe „Tod von Matthias Domaschk“ sind Dr. Henning Pietzsch (Historiker), Wolfgang Loukidis (Rechtsanwalt), Renate Ellmenreich und Peter Rösch (Freund und Mitinhaftierter 1981). Vonseiten der Thüringer Landesregierung ist Staatssekretärin Dr. Babette Winter involviert.

Parallel zu den Recherchen der Arbeitsgruppe entschlossen sich die BStU-Außenstelle Gera, die Gedenkstätte „Amthordurchgang“ Gera, die Geschichtswerkstatt Jena, das Thüringer Archiv für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ Jena und der Thüringer Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, anlässlich des 35. Todestages von Matthias Domaschk im April 2016 Gedenkveranstaltungen in Gera bzw. Jena durchzuführen. Unterstützend war zudem die Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin beteiligt. Der Programm-Flyer steht hier zur Verfügung.

Am 12. April 2016 fand nach einem Projekttag mit Geraer Schülern im Alten Schwurgerichtsaal des Landgerichts Gera eine Podiumsdiskussion zur Fragestellung „Matthias Domaschk – Was bleibt?“ statt: Im Anschluss an ein Impulsreferat der Jenaer Historikerin Dr. Katharina Lenski diskutierten Peter Rösch, Christian Dietrich (Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur) und Roland Jahn (Bürgerrechtler und Journalist) über die Bedeutung und Dimension des Todes von Matthias Domaschk während der 1980er Jahre in der DDR und heute im geeinten Deutschland. Aus aktuellem Anlass und angesichts der Anwesenheit von Roland Jahn als derzeitigem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen kam auch die Zukunft der Stasi-Unterlagen-Behörde und der Aufarbeitung der SED-Diktatur generell zur Sprache.

Am 16. April 2016 versammelten sich schließlich Familienangehörige, Freunde und Wegbegleiter am Grab von Matthias Domaschk auf dem Jenaer Nordfriedhof. Nach der Begrüßung durch den Jenaer Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter, einer Ansprache von Peter Rösch und einem Psalmgebet durch Superintendent Sebastian Neuß sprachen Renate Ellmenreich und der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow abwechselnde Fürbitten. Eine der Fürbitten des Ministerpräsidenten lautete wie folgt: „Matthias Domaschk – Im Gedenken an einen Menschen, dessen letzten Stunden in einer Stasi-Zelle in Gera für Familie und Freunde tiefste Zweifel und quälende Ungewissheit hinterließen. Zweifel an fast allem, was Wahrheit und Gerechtigkeit bedeuten; Ungewissheit, ob in alle Sinnlosigkeit seines Todes ein Sinn für das Leben gelegt war.“ Das musikalisch von Matthias Hejlik (Violoncello) und Anna Koch (Violine) umrahmte Gedenken endete mit einem Schlusswort von Christian Dietrich, der aus einem Gedicht von Ricarda Huch zitierte:

„Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein. (…)
Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.“

 

 

 

Weiterführende Informationen und Medienberichte:

  • Themen-Dossier der Robert-Havemann-Gesellschaft zu Matthias Domaschk
  • Medieninformation der Thüringer Staatskanzlei über die Konstituierung der Arbeitsgruppe „Tod von Matthias Domaschk“ (05.03.2015)
  • Medieninformation der Thüringer Staatskanzlei über den Zwischenbericht der Arbeitsgruppe „Tod von Matthias Domaschk“ (11.04.2016)
  • TLZ-Artikel "35. Jahrestag: Der unaufgeklärte Tod des Jenaers Matthias Domaschk in der Stasi-U-Haft" von Dr. Katharina Lenski (13.04.2016)
  • OTZ-Artikel "Podiumsdiskussion in Gera zum 35. Todestag von Matthias Domaschk: Hoffnung auf Wahrheit" von Jens Voigt (14.04.2016)
  • Facebook-Eintrag der Thüringer Staatskanzlei (16.04.2016) zur Gedenkveranstaltung auf dem Jenaer Nordfriedhof
  • Bericht des "MDR Thüringen Journals" (16.04.2016) zur Gedenkveranstaltung auf dem Jenaer Nordfriedhof
  • OTZ-Artikel "Bewegendes Gedenken auf dem Jenaer Nordfriedhof für Matthias Domaschk" von Frank Döbert (18.04.2016)
 
 
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