Meldungen des Jahres 2016

Meldung vom 21. März 2016

Widerstand, Anstand und Wohlstand – Erinnerung an den Physikerball 1956

Als „Fanal für die Freiheit weit über Jena hinaus“ beschreibt eine am 17. März 2016 unter Anwesenheit von Beteiligten und Zeitzeugen enthüllte Inschrift den Physikerball des Jahres 1956. Eingeladen hatte die Physikalisch-Astronomische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die mithilfe ihres Alumni-Vereins die neue Gedenk-Stele vor dem Großen Physikhörsaal am Max-Wien-Platz finanziert hat.

Vor der Enthüllung der Gedenk-Stele traf man sich – das Publikum bestand größtenteils aus Angehörigen der „Erlebnisgeneration“ – in der Mensa am Philosophenweg, d. h. dem „Tatort“ des Jahres 1956. Das Wort ergriff zunächst Prof. Dr. Gerhard Paulus, der in seiner Eigenschaft als Dekan der Physikalisch-Astronomischen Fakultät die Anwesenden begrüßte und mittels seiner Charakterisierung der Ereignisse von vor 60 Jahren den Ton des Abends setzte: Der Physikerball sei eines der „erhabensten Ereignisse“ in den 450 Jahren der Alma Mater Jenensis gewesen, sei „identitätsstiftend“ für die Physikalisch-Astronomische Fakultät und verpflichte die neuen Generationen, mehr aus dem „Erbe des Physikerballs“ zu machen. Anknüpfend an die aktuellen Zeitläufe stellte Prof. Paulus einen Zusammenhang zwischen Anstand und Wohlstand her: Nur durch das Eintreten für Demokratie und Liberalität sei eine international vernetzte wissenschaftliche Forschung möglich, die wiederum Voraussetzung für den Wohlstand im heutigen Deutschland sei.

Das Wort ergriffen auch Beteiligte und Zeitzeugen: Während Peter Herrmann in seiner Ansprache auf die Zeitumstände des Jahres 1956 und die damit zusammenhängenden Beweggründe für die Umfunktionierung des Physikerballs in eine systemkritische Veranstaltung einging, berichtete Dr. Heinz Steudel über die Verfolgung durch die SED und deren Konsequenzen für das Leben der Beteiligten. Christian Dietrich, Thüringer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, betonte in seinem Grußwort die Bedeutung des Physikerballs für die Familienerzählungen zu Zeiten der DDR, aber auch die Bemühungen jüngerer Historiker, die Überlieferung des Physikerballs für die heutige Aufarbeitung der Diktatur fruchtbar zu machen. Die musikalisch umrahmte Feierstunde schloss mit Szenen der Wiederaufführung des Physikerball-Programms aus dem Jahr 2006.

Die Geschichtswerkstatt Jena ist mit der Thematik des Physikerballs 1956 seit vielen Jahren eng verbunden, so war beispielsweise das langjährige Vereinsmitglied Manfred Wagner († 2011) ein Zeitzeuge und Betroffener. An der Wiederaufführung des Physikerballs im Jahr 2006 konnte der Verein maßgeblich mitwirken, darüber hinaus sind in der „Gerbergasse 18“ einschlägige Beiträge erschienen. Die Aufnahme des Physikerballs in die „Thüringer Straße der Menschenrechte und Demokratie“ wiederum geht auf eine Initiative des Vereinsmitglieds Detlef Himmelreich zurück.

 

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