Meldungen des Jahres 2016

Meldung vom 03. Februar 2016

Ausstellungsrezension zu „Freundschaft! Mythos und Realität im Alltag der DDR“ im Stadtmuseum Jena (31. Oktober 2015 bis 7. Februar 2016)

Nach einer dichten Reihe von ähnlich konzipierten AustellungsplakatAusstellungen zum Sportleben und dem Fußball in Jena sowie zur Trinkkultur in der DDR folgt im Stadtmuseum Jena (Göhre) nun eine weitere zum großen Thema Freundschaft.

Was im Faltblatt spannend und farbenfroh angekündigt wird, war Anlass und Gelegenheit für einen Besuch vor Ort, zumal Freundschaft genau in die Fragen nach dem Alltag in der Diktatur passt, eine wieder stärker benannte (politische) Forderung in der Aufarbeitung der DDR.

Nach einem kooperativen Studentenseminar der Jenaer Ethnologie und Zeitungsaufrufen im Vorfeld kann man das museale Ergebnis nun neben sonst archivierten Museumsstücken bestaunen. In fünf Ausstellungskammern und einem schmalen Vorraum wird das Themenfeld materialreich, informationsintensiv und textlastig, aber auch vergleichsweise wahllos und an manchen Stellen beinahe willkürlich arrangiert. Neben offiziellen Plakaten, Büchern und Erinnerungsstücken der DDR-Leit-Ideologie Freundschaft collagieren private Briefwechsel, Freundschaftsbekundungen aller Art oder Freundschaftssymbole die Etage.

Die ambitionierten Absichten der Ausstellung bleiben weitgehend unscharf. Eine latente Überforderung paart sich mit Reizüberflutung, denn die Besucher können wahrlich viel sehen, aber leider wenig erkennen. Wie entsteht diese Wirkung? Alles wirkt voll, vieles auch interessant und dennoch durcheinander; man irrt ziellos durch eine Slalomstrecke von Vitrinen und Ausstellungsstelen, an denen in Kleinstschrift gepinnte Zeitzeugenzitate die Freundschafts-Stücke ergänzen sollen.

Falls die Ausstellung das Thema differenziert betrachten möchte, ist das ihr durchweg gelungen, denn für alle erdenklichen Freundschaftsfelder und -verhältnisse bringt es zahlreiche Exemplare und Exponate, in der Regel durch private Leihgaben eingeworben. Alles existiert freundschaftlich nebeneinander, dargestellt als Kontinuum der Freundschaft in der DDR? DSF (Deutsch-Sowjetische-Freundschaft), FDJ (Freie Deutsche Jugend), Freundschaftsgesellschaften und Brigadefeiern hier – Punks in Konzertfreuden, private Freundeskreise oder Musik als Freundschaftsband dort. Das offizielle Freundschaftsdiktum neben der „echten“ Freundschaft unter Kollegen, die Völkerfreundschaft neben der Bilderbuchfreundschaft, und so weiter und so fort.

Auf orangen Warntafeln informieren wissenschaftliche Befunde grell und schlau, darunter liegen freundschaftlich umarmt die Abrafaxe, Arbeiter der Drushba-Trasse und Pionierfreundschaften ausgebreitet. Der hintere und größte Ausstellungsraum versammelt abschließend eine bunte Mischung aus Bildern und Fotos, kahl bleibt jedoch der Innenraum. Waren die Exponate aufgebraucht, soll sich der Besucher hier von der bisherigen Freundschaftsfülle erholen? Man weiß und erfährt es nicht.

Doch die reizvollen und hintersinnigen Fotos von Jörg Auweiler entschädigen letztlich für diese Leerstelle und deuten auf die nächste explizite DDR-Ausstellung des Jenaer Stadtmuseums hin, für die schon kräftig die Werbetrommel gerührt wird, ab Juni soll es dann um das „Selbermachen in der DDR“ gehen. Auf eine sympathische Art wirkt bereits diese Ausstellung selbstgemacht, aber kann das genügen?

Im Resultat bleibt der ambivalente Eindruck, einer eher an Zufälligkeiten, Vorlieben der Ausstellungsmacher und subjektiven Kriterien in der Ausstellungsplanung orientierte Schau, die nur an den Rändern Mythos und Realität ihres Ausstellungsgegenstandes miteinander vergleicht, hinterfragt und nachvollziehbar ausstellt.

Der begleitende Ausstellungskatalog (208 S., 13,90 €, hrsg. von Kuratorin Teresa Thieme) unterfüttert das Gesehene mit Fußnoten und vermittelt – mehr als die Ausstellung es vermag – eine gewisse Struktur durch einige fundierte und spannend zu lesende Beiträge. Aus Freundschaft (oder warum auch immer) erschien zeitgleich noch eine Doppel-LP zweier ehemaliger Jenaer Punkbands (20 €), ebenfalls im Museum erhältlich.

(Foto: GWS)

 
 
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