Meldungen des Jahres 2015

Meldung vom 26. Februar 2015

Lesung mit Roland Jahn: Anpassung oder Widerstand als individuelle Entscheidung

Rund 300 Personen versammelten sich am Abend des 25. Februar 2015 im Jenaer Volkshaus, um einer Lesung mit Roland Jahn aus seinem neuen Buch „Wir Angepassten. Überleben in der DDR“ beizuwohnen. Er war damit einer Einladung der Ernst-Abbe-Bücherei Jena und der Geschichtswerkstatt Jena in seine alte Heimat gefolgt. Jahn, geboren 1953 in Jena, wurde 1982 nach „staatsfeindlichen“ Aktivitäten inhaftiert und verurteilt und 1983 in den Westen abgeschoben. Er hielt Kontakt zu DDR-Oppositionellen und berichtete für ARD und ZDF über Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung in der DDR. 2011 wurde er vom Deutschen Bundestag zum Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gewählt.

 

Nach der Begrüßung durch Dr. Henning Pietzsch, Vorstandsvorsitzender der Geschichtswerkstatt Jena und Moderator des Abends, las Jahn mehrere Abschnitte aus seinem biografisch geprägten Buch. Im weiteren Verlauf wurde deutlich, wie ein Lebensweg zwischen Anpassung und Widerstand in der Diktatur tangieren kann. Dabei betonte Jahn immer wieder, dass es keine allgemeinen Maßstäbe für menschliches Verhalten gebe. Im von Täuschung, Nischen und Schizophrenie geprägten Alltag der Diktatur bleibe die Entscheidung für oppositionelle Handlungen immer individuell und subjektiv. Im Falle Jahns führten beispielweise erst die Ausweisung von der Universität und das neue Umfeld im Betrieb zu einer konsequenten Abkehr von angepassten Verhaltensweisen. Jahn spricht vor diesem Hintergrund jedem Bürger das Recht auf Anpassung zu, eine Pflicht zum Widerstand gebe es nicht.

Für die heutige Gesellschaft wünscht sich Jahn ein offenes Klima, das Opfern und Tätern die Begegnung ohne Schuldvorwürfe erlaubt; Voraussetzung hierfür sei aber die Anerkenntnis des Unrechts durch die Täter. Vergebung könne nicht verordnet werden, so Jahn auch im Hinblick auf die aktuelle Situation in Thüringen nach dem Regierungswechsel. Gerade in der heutigen Gesellschaft sieht Jahn die Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit als notwendig an, da auf diese Weise jüngere Generationen für die Einhaltung der Menschenrechte sensibilisiert werden könnten. Dr. Peter Röhlinger, 1990 bis 2006 Oberbürgermeister Jenas, brachte zum Ende der Lesung seinen Stolz darüber zum Ausdruck, dass Roland Jahn aus Jena kommt. Dies schien auch im weiteren Publikum eine verbreitete Stimmung zu sein, der durchaus emotionale Abend endete mit langanhaltendem Applaus.

Fotos: Maria Palme und Stefan Walter
Text: Stefan Walter

 
 
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