Meldungen des Jahres 2018

Meldung vom 13. September 2018

Diskutieren, Spähen und Musik – Das 5. Bürgerfest des Geschichtsverbundes lockte Interessierte nach Erfurt

Bunte Kreidekunstwerke auf dem Pflaster, Informationsstände von Geschichtsvereinen und eine den ganzen Tag geöffnete Gedenkstätte, das alles bot das Bürgerfest des Geschichtsverbundes Thüringen am 9. September in Erfurt. Parallel zum Tag des offenen Denkmals hatten Besucher nicht nur die Möglichkeit, durch die Gedenkstätte der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaft in der Andreasstraße geführt zu werden, sondern auch viele Vereine und Initiativen kennenzulernen, die sich in Thüringen mit Geschichte und Aufarbeitung beschäftigen. Im Innenhof wurde am Stand der Geschichtswerkstatt Jena auch die Zeitschrift „Gerbergasse 18“ vorgestellt und die Gäste konnten mit der Redaktion direkt ins Gespräch kommen, was auch rege genutzt wurde. Während das Podiumsgespräch mit Historikern und Zeitzeugen zum Thema „Dubček, Dutschke, Flower-Power: 1968 und die Sehnsucht nach Veränderung in Ost- und Westdeutschland“ im vollen Gange war, bin ich mit der letzten Führung in die Gedenk- und Bildungsstätte geschlüpft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stand der Geschichtswerkstatt Jena auf dem Bürgerfest am 9. September, Foto: GWS

 

Zuerst wurden wir in die weitgehend im Originalzustand erhaltene Haftetage geführt, wo die Gefängnisarchitektur, die blickdichten Fenster, die Türspione in zweifacher Ausführung und die Toiletten im Schlaf- und Wohnraum eindrücklich von den Bedingungen der Untersuchungshäftlinge der Stasi erzählen. Vor allem berührte mich die Sprachaufnahme einer ehemaligen politischen Gefangenen, deren Sprachmelodie und Akzent der meines Großvaters ähnelte. Aus ihrer abgebildeten Stasiakte habe ich ihren Wohnort erfahren: Sie lebte in derselben Straße, in der heute noch meine Großeltern wohnen. Ich habe mir vorgenommen, sie nach ihrer ehemaligen Nachbarin, die von der Stasi in die Andreasstraße gebracht wurde, zu fragen. Dazu werden mir die Siegelreste an den Zellentüren, die von der Geschichte der Andreasstraße im Dezember 1989 zeugen, im Kopf bleiben. Unsere Führung wurde fortgesetzt im Ausstellungsteil „Diktatur“. Der Ausstellungsbegleiter zeigte uns vor allem den Raum zur Geschichte der Staatssicherheit, an dessen Wänden die Besucher durch Türspione weitere Ausstellungstexte erspähen konnten. Als Lernende dieser Geschichte, von der Ausstellung umgeben, habe ich das Spähen als persönliche und auch körperliche Erfahrung als heftig und auch unangenehm empfunden.

Die Führung endete im Ausstellungsteil „Revolution“, in dem größten Raum der Dauerausstellung. Dort stand ich als Besucher zwischen Pappaufstellern mit Demonstranten, praktisch inmitten einer der Proteste im Herbst 1989. Schade war aus meiner Sicht, dass in diesem Ausstellungsteil die lokalen Bezüge zu den Geschehnissen in der Andreasstraße selbst, im Dezember 1989 und danach, fast nicht zu erkennen waren. Der Bereich endete mit dem Mauerfall am 9. November 1989 und unterstrich damit architektonisch den Zäsurcharakter und die Alleinstellung, die diesem Datum in der aktuellen Geschichtsschreibung zugeschrieben wird. Die beiden darauffolgenden kleinen Räume versäumen meiner Meinung nach die brisante Transformationszeit, die dem 9. November folgte, differenziert und im lokalen Kontext darzustellen. Die Machtverschiebung in der Gestaltung dieser Transformation, von den Demonstrierenden im großen Raum zu dem riesigen Wandbild von Helmut Kohl als Einheitskanzler in dem Schwarz-Rot-Gold gefärbten letzten Raum, bleibt weitgehend unreflektiert. Ich habe die Ausstellung mit vielen offenen Fragen zu dem letzten Jahrzehnt der Andreasstraße verlassen. Wer brach die Siegel an den Türen mit den Akten später? Wieso blieb die Andreasstraße bis 2002 ein Gefängnis? Wie verläuft ein Systemwechsel in einer Gefängnisadministration?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Podiumsdikussion zum Jahr 1968 in Ost und West auf dem Bürgerfest in Erfurt, Foto: GWS

 

Die letzten Besucher aus der Ausstellung gelockt haben die Trompetentöne von Maik Mondial. Die fünfköpfige Band spielte Jazz und Weltmusik, inspiriert von der Musik des Balkans. Da ratterte eine Belgrader Straßenbahn in die Erfurter Nacht, gefolgt von Tanzmelodien einer serbischen Hochzeit. Die manchmal zarten, manchmal wilden und mitreißenden Stücke klangen über den Domplatz und zogen noch mehr Menschen auf das Gelände der Andreasstraße. Das Konzert wurde zu einem gelungenem und beschwingten Abschluss des Bürgerfestes.

 

Emilia Henkel

Studentin Friedens- und Konfliktforschung, Jena

 
 
© Geschichtswerkstatt 2018